Regen trommelte aufs Dach der Penthousewohnung, als Eris Vater starb. ›Ruuuf den Notar‹, so seine letzten Worte, er richtete sich noch einmal auf, röchelte, presste beide Hände auf sein Herz und verschied. ›Ruuuf den Notar.‹ Mitten in der Nacht. Wozu hatte er einen Notar haben wollen? Als Eri dahinterkam, dass für das ›z‹ und das ›t‹ seinen Lippen keine Spannkraft geblieben war, lachte sie laut. Und schämte sich. Preßte beide Ohren in ein Kissen, um dieses hallende, gespenstische Lachen nicht mehr zu hören.
Eri heißt eigentlich Augusta, doch mit 13 war sie so dünn, dass ihre wenig sensibeln Mitschüler sie Eritrea tauften. Die erste Silbe der Spottbezeichnung hat sie sich als Namen erhalten. Sie ist inzwischen 22 und bemüht, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Bei ihrer Arbeit als Putzfrau in einem Pornokino verliebt sie sich in den Stricher und zukünftigen Ex-Junkie Angelo. Doch der ist leider ausschließlich homosexuell und möchte ihre Entjungferung nicht übernehmen.
Dann gibt es noch Liz, die mit silbernem Überzug als Statue in der Fußgängerzone auftritt. Die beiden Frauen ziehen zusammen, was dazu führt, dass Eri ein Geheimnis lüften muss: Sie bewahrt die Leiche ihres Vaters seit Jahren in der Wohnung auf, mit einfachen Hausmitteln balsamiert, um weiter seine Rente zu kassieren. Doch nun ist es Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. Gemeinsam mit Angelo und dessen Freund Jonas brechen sie auf, um dem Vater ein würdiges Begräbnis zu verschaffen. Verfolgt werden sie von Stan, dem Ex-Freund von Liz, der sie heimlich beobachtet und ein zunehmend psychotisches Verhalten an den Tag legt.
So unglaublich es klingt, aber der Roman ist eine Liebesgeschichte. Nicht einmal eine Liebeskomödie, aber trotzdem unglaublich komisch. Die absurden Bestandteile werden sehr trocken und völlig beiläufig serviert. Ein Höhepunkt in diesem rundum gelungenen Buch ist das »gestrichene Kapitel« bzw. die Rechtfertigung des Autors für dessen Streichung:
An dieser Stelle wurde ein Kapitel getilgt, um der Geschichte mehr Drive zu verleihen. (…) Trotz manch brillanter Schilderung leidet das Kapitel daran, dass es schleppend erzählt ist, sich in psychologischen Exkursen verirrt und im Grunde nur Vorhersehbares enthält. In der Collector’s Edition wird es unter dem Bonusmaterial erscheinen, für all jene, die meinen, darauf partout nicht verzichten zu können.
Krausser schreibt eine Prosa, die man nicht genug loben kann. Die Sätze sind so virtuos und jedes überflüssigen Wortes entledigt, bis nur noch die funkelnden Diamanten übrig bleiben. Prägnante Gebilde, die vor Information, Gefühl und Kraft nur so strotzen und von denen sich auf jeder Buchseite gleich mehrere zitierfähige Exemplare finden. Für mich der Beginn einer Reise durch sein Gesamtwerk.
Helmut Krausser: Kartongeschichte | Deutsch
btb Verlag 2008 | 144 Seiten | amazon-info

6:45 Uhr: Ein dreifacher Gong aus dem Lautsprecher und eine unaufgeregte Frauenstimme wünscht einen guten Morgen, sagt Datum und Wetterbericht an usw. Sie spricht ein weichgespültes Englisch, wiederholt das Ganze auf Französisch mit Elsässer Akzent und dann auch auf Deutsch. Selbst auf Deutsch gelingt ihr ein geradezu postkoitales Timbre. Das ist nicht mehr die Durchsagestimme von Pier 21, aber sie verfügt über genau die gleiche edle Präsenz wie ein teures Parfum.
Dass die Visionen des Ilja Botev nicht der lichten Gabe des prophetischen Sehens entsprangen, sondern dem Wahn des irrlichternden Verstandes, daran zweifelte in Baia Luna niemand. Am wenigsten ich, sein Enkel Pavel. In früher Jugend hatte ich die Einbildungen meines Großvaters noch als närrische Hirngespinste abgetan, eine Folge des Einflusses, den der Zigeuner Dimitru Gabor auf ihn ausübte, der sich um die Gesetze von Vernunft und Logik nicht sonderlich scherte.
Den Autor eines Buches kennenlernen zu wollen, weil man sein Buch schätzt, ist so, als wollte man – zum Vergleiche schwankend hinkend – das Glas kennenlernen, aus dem das Bier geschmeckt hat. »Was sind denn Sie für ein Mensch?« Was soll man da sagen? Das ist schwierig. Man beseelt seine Fleischhülse und müsste es wissen und ahnt es vielleicht sogar, solange man nicht darüber nachdenkt. Tut man es, weiß man gar nichts mehr!
»We all support the team.«
»Sehen Sie, Monsieur«, beginnt Triboulet – »es ist ein wenig … kompliziert. Manchmal scheinen die Dinge sehr einfach, aber dann … wenn man näher geht und sie neuerlich betrachtet, dann sehen die Dinge völlig anders aus. Nun, Monsieur Winterhalter hat nur seine ihm auferlegten Aufgaben erfüllt. Vielleicht war Monsieur Winterhalter das ein oder andere Mal zu hart … zu wenig gnädig, wenn es darum ging, die fälligen Abgaben bei den Bauern einzufordern.«
Wie alle Kapitalisten behandle ich den freien Markt wie eine reiche alte Großmutter; ich betone, wie sehr ich die alte Schlampe verehre, bezeichne sie als rüstig, nutze aber ihre Lethargie und Demenz mutwillig aus, um Profit daraus zu schlagen. Im Hauptberuf bin ich auf die Alliierten des Zweiten Weltkriegs spezialisiert, aber ich mach auch den Krimkrieg, den Ersten Weltkrieg und Vietnam und das ein oder andere japanische Samurai-Schwert.
»Ein neues Buch von Terry Pratchett! Hurra!« Das beschreibt die übliche Reaktion eines Kenners der Werke Pratchetts (genauer: eines Fans) wohl am besten. Im Falle von »Nation« (dt. »Eine Insel«) wahrscheinlich gefolgt von einem kurzen Zögern und Stutzen: »Wie? Kein Scheibenwelt-Roman?«
Nicht alle Tode sind gleich, und selbst für Mord gilt das Kastenwesen. Wird ein armer Rikschafahrer abgestochen, ist das nur etwas für die Statistik, eine Meldung, die irgendwo im hinteren Teil der Zeitung verschwindet. Der Mord an einem Prominenten aber macht sofort Schlagzeilen, denn die Reichen und Berühmten werden selten umgebracht. Sie führen ein Fünf-Sterne-Leben und sterben, wenn nicht an einer Überdosis Kokain oder durch irgendeinen verrückten Unfall, meist auch einen Fünf-Sterne-Tod, glücklich ergraut in hohem Alter, allerdings nicht ohne zuvor die eigene Sippe samt dazugehörigen Vermögen kräftig vermehrt zu haben.
Wer vor mehr als zehn Jahren voller Anteilnahme und Begeisterung Michaels ersten Roman »Fluchtstücke« gelesen und sich ob dieses Genusses ungeduldig auf einen zweiten Roman gefreut hat, ist durch »Wintergewölbe« mehr als nur entschädigt worden.
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