Helmut Krausser: Kartongeschichte

KartongeschichteRegen trommelte aufs Dach der Penthousewohnung, als Eris Vater starb. ›Ruuuf den Notar‹, so seine letzten Worte, er richtete sich noch einmal auf, röchelte, presste beide Hände auf sein Herz und verschied. ›Ruuuf den Notar.‹ Mitten in der Nacht. Wozu hatte er einen Notar haben wollen? Als Eri dahinterkam, dass für das ›z‹ und das ›t‹ seinen Lippen keine Spannkraft geblieben war, lachte sie laut. Und schämte sich. Preßte beide Ohren in ein Kissen, um dieses hallende, gespenstische Lachen nicht mehr zu hören.

Eri heißt eigentlich Augusta, doch mit 13 war sie so dünn, dass ihre wenig sensibeln Mitschüler sie Eritrea tauften. Die erste Silbe der Spottbezeichnung hat sie sich als Namen erhalten. Sie ist inzwischen 22 und bemüht, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Bei ihrer Arbeit als Putzfrau in einem Pornokino verliebt sie sich in den Stricher und zukünftigen Ex-Junkie Angelo. Doch der ist leider ausschließlich homosexuell und möchte ihre Entjungferung nicht übernehmen.

Dann gibt es noch Liz, die mit silbernem Überzug als Statue in der Fußgängerzone auftritt. Die beiden Frauen ziehen zusammen, was dazu führt, dass Eri ein Geheimnis lüften muss: Sie bewahrt die Leiche ihres Vaters seit Jahren in der Wohnung auf, mit einfachen Hausmitteln balsamiert, um weiter seine Rente zu kassieren. Doch nun ist es Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. Gemeinsam mit Angelo und dessen Freund Jonas brechen sie auf, um dem Vater ein würdiges Begräbnis zu verschaffen. Verfolgt werden sie von Stan, dem Ex-Freund von Liz, der sie heimlich beobachtet und ein zunehmend psychotisches Verhalten an den Tag legt.

So unglaublich es klingt, aber der Roman ist eine Liebesgeschichte. Nicht einmal eine Liebeskomödie, aber trotzdem unglaublich komisch. Die absurden Bestandteile werden sehr trocken und völlig beiläufig serviert. Ein Höhepunkt in diesem rundum gelungenen Buch ist das »gestrichene Kapitel« bzw. die Rechtfertigung des Autors für dessen Streichung:

An dieser Stelle wurde ein Kapitel getilgt, um der Geschichte mehr Drive zu verleihen. (…) Trotz manch brillanter Schilderung leidet das Kapitel daran, dass es schleppend erzählt ist, sich in psychologischen Exkursen verirrt und im Grunde nur Vorhersehbares enthält. In der Collector’s Edition wird es unter dem Bonusmaterial erscheinen, für all jene, die meinen, darauf partout nicht verzichten zu können.

Krausser schreibt eine Prosa, die man nicht genug loben kann. Die Sätze sind so virtuos und jedes überflüssigen Wortes entledigt, bis nur noch die funkelnden Diamanten übrig bleiben. Prägnante Gebilde, die vor Information, Gefühl und Kraft nur so strotzen und von denen sich auf jeder Buchseite gleich mehrere zitierfähige Exemplare finden. Für mich der Beginn einer Reise durch sein Gesamtwerk.

Helmut Krausser: Kartongeschichte | Deutsch
btb Verlag 2008 | 144 Seiten | amazon-info


 


Schrecklich amüsant ...6:45 Uhr: Ein dreifacher Gong aus dem Lautsprecher und eine unaufgeregte Frauenstimme wünscht einen guten Morgen, sagt Datum und Wetterbericht an usw. Sie spricht ein weichgespültes Englisch, wiederholt das Ganze auf Französisch mit Elsässer Akzent und dann auch auf Deutsch. Selbst auf Deutsch gelingt ihr ein geradezu postkoitales Timbre. Das ist nicht mehr die Durchsagestimme von Pier 21, aber sie verfügt über genau die gleiche edle Präsenz wie ein teures Parfum.

Im Bekannten- und Verwandtenkreis kommen Kreuzfahrten immer mehr in Mode. Nachvollziehen kann ich das nicht. Denn man hat ja so seine Vorurteile. Eine fundierte Meinung ist natürlich besser. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als mich einmal näher mit dieser Art von Urlaubsreisen zu befassen. Wie schön, dass ein Autor wie David Foster Wallace, den ich immer schon mal lesen wollte, ein Buch darüber geschrieben hat.

Vom 11. bis 18. März 1995 unternahm der damals 33-jährige Wallace freiwillig und gegen Bezahlung eine siebentägige Karibik-Kreuzfahrt an Bord der »Zenith«, einem 47.255-Tonnen-Schiff der Celebrity Cruises Inc. mit Heimathafen in Südflorida. Die Eindrücke dieser Fahrt – vom Boarding am Pier 21 bis kurz vor »Wiedereintritt in das normale, selbstverantwortliche Landrattenleben« – hat er in dem Reise-Tagebuch »Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich« festgehalten.

Wallace beschäftigt sich nicht mit den Orten, die er mit dem Luxusdampfer bereist, sondern mit den Orten an Bord und dem dortigen Treiben. Er beleuchtet das gedrillte Service-Personal, die Dekadenz mancher Mitreisenden, den Nepp der kurzen Landgänge und das Gefühl der Nutzlosigkeit, das einem befällt, wenn persönliche Stewards von morgens bis abends um einen herumscharwenzeln, sofern man sie überhaupt bemerkt.

Verliebtheit in die rehäugige Petra hin oder her, Tatsache ist, dass ich meinen liebreizenden Kabinensteward kaum zu Gesicht bekomme. Dass sie hingegen mich sieht, dafür gibt es starke Anhaltspunkte. Denn immer, wenn ich Kabine 1009 für mehr als eine halbe Stunde verlasse, ist nachher klar Schiff gemacht, sind die Handtücher ausgewechselt, die Flächen gewischt, glänzt das Bad wie neu. (…) Das mysteröse, unsichtbare Aufräum-Kommando an Bord ist definitiv eine tolle Sache – der Traum jedes schlunzigen Menschen, dass jemand kommt, das Zimmer entschlunzt und sich danach in Luft auflöst.

Auch wenn dieses Zitat vielleicht einen anderen Eindruck erweckt: Richtig glücklich ist Wallace über diese Begebenheiten nicht. Im Gegenteil. Er spricht an einer Stelle von »Verwöhn-Paranoia« und im Sinne des Buchtitels stellt er schließlich unmissverständlich klar:

… ihr ganzes Gedöns zeigt nur, dass ihr Gast stört. An Bord herrscht zwar nicht unbedingt die Teppichschaum-und-Schonbezug-Philosophie des analen Gastgebertyps, doch die psychische Aura der permanenten Raumpflege ist dieselbe: Der Gast soll keine Spuren hinterlassen, sondern möglichst bald verschwinden.

Menschen, die solchen Urlaubsreisen etwas abgewinnen können, werden »Schrecklich amüsant« sicher schon nach wenigen Seiten verständnislos beiseite legen oder es gar nicht erst in die Hand nehmen.

Menschen wie ich, die Exkursionen unter der Dunstglocke von Reisegruppen grundsätzlich ablehnen, werden sich in ihren Vorurteilen bestätigt fühlen. Ihnen bietet das Buch nicht viel Neues. Es macht aber Spaß, sich die touristische Massenverschiffung von einem sympathischen, aufmerksam beobachtenden und klug urteilenden Schriftsteller wie David Foster Wallace erklären zu lassen. Sein finales Werk »Unendlicher Spaß – Infinite Jest« steht deshalb schon auf der Liste der Bücher, die ich unbedingt noch lesen will. Da ich nicht auf Kreuzfahrt gehe, werde ich sicher noch die Zeit finden, mich den 1.648 Seiten dieses Buches zu stellen.

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich
Deutsch von Marcus Ingendaay | Goldmann 2006 | 184 Seiten | amazon-info


Tagged with:
 


Wie die Madonna auf den Mond kamDass die Visionen des Ilja Botev nicht der lichten Gabe des prophetischen Sehens entsprangen, sondern dem Wahn des irrlichternden Verstandes, daran zweifelte in Baia Luna niemand. Am wenigsten ich, sein Enkel Pavel. In früher Jugend hatte ich die Einbildungen meines Großvaters noch als närrische Hirngespinste abgetan, eine Folge des Einflusses, den der Zigeuner Dimitru Gabor auf ihn ausübte, der sich um die Gesetze von Vernunft und Logik nicht sonderlich scherte.

Rumänien im Jahr 1957. Sputnik kreist um die Erde und verbreitet die Kunde vom Sieg des Sozialismus über den Westen. Die Geschichte beginnt ganz gemächlich mit der liebevollen Schilderung eines kleinen Dorfes und seiner meist exzentrischen Bewohner. Erzählt wird alles aus der Sicht des fünfzehnjährigen Pavel, der sich mit den üblichen Nöten eines Heranwachsenden herumschlagen muss. Er lebt mit seinem Großvater, seiner Mutter und seiner Tante über einem Gemischtwarenladen, der abends zur Kneipe umfunktioniert wird und das eigentliche Herz des Ortes darstellt.

Die Dorflehrerin vertraut sich Pavel an und erzählt von einer verlorenen Liebe in der Vergangenheit. Bald darauf ist sie spurlos verschwunden, und da sie eine starke Trinkerin war, vermutet man, im Frühjahr bei der Schneeschmelze ihre Leiche zu finden. Doch dann entdeckt man die Haushälterin des Dorfpfarrers tot in dessen Wohnung und unmittelbar danach den Geistlichen selbst. Nackt, mit durchschnittener Kehle. Neben der Leiche ein handgeschriebener Zettel mit dem Namen der Lehrerin. Bei der Überführung verschwindet die Leiche des Pfarrers, dafür tauchen Sexfotos auf, die unter anderem den neuen Parteifunktionär und die Lehrerin in jungen Jahren zeigen. Mit vielen offenen Fragen beginnt für Baia Luna der Winter und damit die Zeit, in der das Dorf durch den Schnee von der Außenwelt abgeschnitten ist.

Der Erzählbogen spannt sich vom Oktober 1957 bis zur Rumänischen Revolution im Dezember 1989 und dem Ende des Ceausescu-Regimes. Die anfangs folkloristische Dorfposse wird zum Kriminalroman und endet schließlich als zeitgeschichtliche Erzählung. Das erste Drittel erinnerte mich sehr an die Bücher von Gabriel Garcia Marquez und Louis de Bernières oder die Filme von Emir Kusturica, wenn auch nicht ganz so überdreht und farbenprächtig.

Die schlitzohrigen Dorfbewohner, die sich den Plänen von Bezirksverwaltung und Regierung widersetzen, entsprachen genau den Erwartungen, die das sehr gelungene Cover in mir geweckt haben. Die hereinbrechende Gewalt und die zahlreichen Toten kamen überraschend, doch dem Autor gelingt es sehr gut, die Spannung aufzubauen und man folgt ihm bereitwillig und nägelkauend durch diese düsteren Kapitel.

Doch dann folgen einige größere Zeitsprünge bis zur oben erwähnten Revolution und sie sind für mich das einzige Manko an diesem Buch, kommen sie doch sehr holprig daher und passen so gar nicht in das ansonsten sehr geschmeidige Gefüge des Romans. Während der Unruhen im Jahr 1989 laufen alle Handlungsfäden zusammen und alle Geheimnisse werden aufgeklärt. Sogar solche, von denen man bisher nicht wusste. Auch dieser Teil des Buches ist sehr gelungen, mit einigen wirklich bemerkenswerten Szenen.

Insgesamt ist »Wie die Madonna auf den Mond kam« eine ausgezeichnet geschriebene, kurzweilige und sehr unterhaltsame Lektüre. Vielleicht am besten vergleichbar mit den Montesecco-Romanen von Bernhard Jaumann. Also auf jeden Fall eine Empfehlung.

Rolf Bauerdick: Wie die Madonna auf den Mond kam | Deutsch
Deutsche Verlags-Anstalt 2009 | 528 Seiten | amazon-info




Thomas Kapielski: Sämtliche Gottesbeweise

Sämtliche GottesbeweiseDen Autor eines Buches kennenlernen zu wollen, weil man sein Buch schätzt, ist so, als wollte man – zum Vergleiche schwankend hinkend – das Glas kennenlernen, aus dem das Bier geschmeckt hat. »Was sind denn Sie für ein Mensch?« Was soll man da sagen? Das ist schwierig. Man beseelt seine Fleischhülse und müsste es wissen und ahnt es vielleicht sogar, solange man nicht darüber nachdenkt. Tut man es, weiß man gar nichts mehr!

Willkommen in der Gedankenwelt des Thomas Kapielski, der mir klargemacht hat, dass es oberhalb meines Bildungspegels noch ziemlich luftig ist. Ich mache dies zum einen daran fest, dass mir sowohl seine »Gottesbeweise« als auch Kapielski selbst bis vor kurzem absolut unbekannt waren. Zum anderen muss ich gestehen, einiges in seinem Buch nicht oder nur ansatzweise verstanden zu haben. Aber was soll’s? Noch nie hat mir ein Buch mit so vielen Fremdwörtern so viel Spaß gemacht.

Kapielskis »Gottesbeweise« erschienen 1998/1999 in zwei Bänden beim Merve Verlag (»Davor kommt noch«, »Danach war schon«), zehn Jahre später hat sie Zweitausendeins in dem hier vorgestellten Band zusammengefasst. Der Autor, bildende Künstler und Musiker erzählt darin von seinen Erlebnissen in den 60er, 70er und 80er Jahren, z. B. von Jugendreisen (inoffiziell: Bockwurstfahrten) in die DDR mit einem ziemlich karl-heinz-haftigen Reiseführer namens Schübner.

Diesen inneren Hans-Joachim konnte er nicht abschütteln, und er sah auch immer aus wie ein etwas zu jung gebliebener Schlafwagenschaffner: weißes Oberhemd, die Bügelfalte, Bürobrille mit Goldrand, während wir anderen alle wie struppige Waldschrate, Frühchristen und bunte Berber rumlatschten.

Kapielskis Berichte von diesen und anderen Reisen, z. B. nach Polen oder in die Sowjetunion, sind Zeitgeschichte von unten. Nichts historisch Glattgebügeltes, sondern bemerkenswerte Erinnerungen, die man allesamt betiteln könnte mit: »Wie es wirklich war«.

Dass es sich lohnt und zugleich wesentlich aufschlussreicher ist, die Welt aus eben genau dieser Perspektive zu betrachten, veranschaulicht er am besten, als er von einer Hochzeit in Finnland berichtet. Ein Kapitel, bei dem der Klappentext des Buches hält, was er verpricht: Man bricht ständig in scheinbar unmotiviertes lautes und anhaltendes Gelächter aus.

Brechts Finnlandkitsch, Finnland von oben, die Landkarte mit den vielen, vielen Tümpeln. Dabei fährst du dann durch dieses Finnland, und, gut, rechts dümpelt mal ein See vorbei, dann links auch hin und wieder einer, aber man sieht das ja nicht von oben, und nur von oben betrachtet hat das etwas Beeindruckendes. Diese vielen, vielen Käselöcher. So denkt man eben, tja, es hat ‘ne Menge Gegend hier, mit Seen ab und an, oder auch öfter, und von Gletschern kommen sie her, die Löcher im finnischen Käse. Aber mein Gott noch mal! Was sonst? Dazwischen kein Strauch, kein Blümchen, nur diese Klobürsten, diese ewigen Kiefern, ein Meer der Magersucht und unten rum alles voll brauner Nadeln. Es nadelt unablässig allerorten. Die Birke gilt als Abwechslung.

Neben solch einzigartigen Landschaftsbeschreibungen muss man Kapielski auch für seine Respektlosigkeit bewundern, wie er seinem Unmut über die Arschgesichter dieser Welt intellektuell hinausrotzt. Wobei Kapielski sich nicht selten selbst als ein solches Arschgesicht zu erkennen gibt. Das macht ihn und seine »Sämtlichen Gottesbeweise« außerordentlich sympathisch. Ebenso seine Lockerheit gegenüber vermeintlichen Autoritäten und Lebensschicksalen, die der passionierte Biertrinker lediglich während einer Autofahrt ablegt – im letzten Kapitel dieses Buches.

Thomas Kapielski: Sämtliche Gottesbeweise | Deutsch
Zweitausendeins 2009 (2. Auflage) | 340 Seiten | amazon-info


Tagged with:
 


Stephen King: Die Arena

Die Arena»We all support the team.«

Castle Rock, Derry, Haven. Drei fiktive amerikanische Kleinstädte in Neuengland, entsprungen der schier unermesslichen Phantasie des Stephen King und Schauplatz in einem oder mehreren Romanen des Großmeisters des Schreckens.

Und nun: Chester’s Mill. Urplötzlich stülpt sich eine unsichtbare Kuppel über die Stadt und verändert das Leben der Einwohner schlagartig. Woher kommt diese seltsame Barriere und welcher Zweck wird durch sie verfolgt? Handelt es sich um ein perfides militärisches Experiment, bei dem die ahnungslosen Einwohner zu menschlichen Versuchskaninchen degradiert werden oder liegt hier gar ein nie dagewesener Fall von Massenhypnose vor (und falls ja – wer ist der Urheber?)?

Nach einer unrühmlichen Parkplatzprügelei hat der Aushilfskoch und hochdekorierte Irakveteran Dale »Barbie« Barbara die Nase gestrichen voll von diesem miefigen Provinznest, doch bevor er seine Abwanderungspläne in die Realität umsetzen kann, macht ihm die unheimliche Kuppel einen Strich durch die Rechnung. Schnell wird Barbie zur Kontaktperson für die Menschen außerhalb der Kuppel, vor allem für Colonel Cox, seinen ehemaligen Mitstreiter im Irak, der als Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte mit allen Befugnissen ausgestattet ist, die Kuppel zu zerstören. Als aber das Militär auf die Idee verfällt, einen Marschflugkörper auf die Barriere abzufeuern, kommen nicht nur Barbie Bedenken.

Die Interessen der Stadt werden durch den Stadtverordneten Andy Sanders gewahrt, dem seine beiden Vertreter »Big Jim« Rennie, hauptberuflich seines Zeichens schmierigster Gebrauchtwagenverkäufer von ganz Neuengland, und Andrea Grinnell, tablettensüchtige dritte Stadtverordnete, mehr oder wenig tatkräftig zur Seite stehen. Ohnehin ist es Jim Rennie, der im Hintergrund seine Fäden zieht und als mächtigster Mann von Chester’s Mill gelten muss, wobei er keinerlei Skrupel hat, seine unredlichen Interessen auch mithilfe von unlauteren Mitteln durchzusetzen. Da kommt ihm der tumbe Andy Sanders als Prellbock gerade recht, denn wenn es mal hart auf hart kommt, ist »Big Jim« ja offiziell nur der Vertreter des ersten Abgeordneten.

Und so lenkt Rennie zunächst eher im Hintergrund die Geschicke der kleinen Stadt. Als dann aber das Erscheinen der Kuppel alles verändert und die verstörten und panischen Einwohner nach Sicherheit und Führung suchen, schwingt sich der Kleinstadtgangster plötzlich zum Diktator auf.

Der Roman von Stephen King lebt zum einen von den zahlreich auftretenden schillernden Figuren, sei es z. B. Junior, der psychotische (und an einem zunächst nicht diagnostizierten Gehirntumor leidende) Sohn von Big Jim, oder Chef Bushey, der im Sendezentrum des geistlichen Musiksenders sehr zweifelhaften Geschäften nachgeht. Zum anderen hat der »King of Horror« das Kunststück geschafft, einen fast 1300seitigen Roman zu schreiben, der tatsächlich ohne Längen auskommt. Sobald der Leser die »Arena« betreten hat, bleibt ihm keine andere Wahl als wie im Fieberwahn der rasanten Erzählung zu folgen.

Stephen King gilt gemeinhin als Horror-Schriftsteller, obwohl viele seiner Romane nicht wirklich diesem Genre zuzurechnen sind. Auch »Under the dome«, so der Originaltitel, enthält nur wenige wirkliche Horrorelemente. Es fließt zwar einiges an Blut und so manche Szene dürfte allzu zart besaiteten Gemütern arg im Magen liegen, aber in erster Linie ist der Roman eine faszinierende Sezierung eines sozialen Netzwerkes sowie dessen Mutation in einer absoluten Extremsituation.

Stephen King: Die Arena | Deutsch von Wulf Bergner
Heyne 2009 | 1.280 Seiten | amazon-info


Tagged with:
 


Richard K. Breuer: Brouillé

Brouillé»Sehen Sie, Monsieur«, beginnt Triboulet – »es ist ein wenig … kompliziert. Manchmal scheinen die Dinge sehr einfach, aber dann … wenn man näher geht und sie neuerlich betrachtet, dann sehen die Dinge völlig anders aus. Nun, Monsieur Winterhalter hat nur seine ihm auferlegten Aufgaben erfüllt. Vielleicht war Monsieur Winterhalter das ein oder andere Mal zu hart … zu wenig gnädig, wenn es darum ging, die fälligen Abgaben bei den Bauern einzufordern.«

Frankreich im März 1789. Der Marquis d’Angélique erfährt von ungewöhnlichen Vorgängen im Schloss des Vicomte de Moucel. Der Gutsverwalter Winterhalter wurde ermordet, doch niemand hat großes Interesse an der Suche nach dem Mörder. Alle Bauern der Umgebung hassten ihn. Sein Tod scheint mit einer Quelle zu tun zu haben, deren Wasser man heilende Wirkung zuspricht, und die angeblich verkauft werden soll. Gemeinsam mit dem Gelehrten Mickiewicz und dem amerikanischen Draufgänger Duport begibt der Marquis sich zum Schloss. Die Adoptivtochter des Schlossherrn wird entführt und als Lösegeld eine Schenkungsurkunde für das Landstück mit der Quelle gefordert. Aber dies ist nur der Auftakt zu einer ganzen Reihe folgenschwerer Verwicklungen.

»Brouillé« ist der zweite Band einer vierteiligen Reihe über die Französische Revolution. Er ist aber in sich abgeschlossen und schildert eine Etappe auf der Reise der drei Hauptfiguren nach Paris. Der erste Band ist nicht unbedingt notwendig, um der Handlung zu folgen, die Lektüre empfiehlt sich trotzdem, schon allein, um die drei Hauptfiguren besser kennenzulernen, die im ersten Band ausführlich vorgestellt werden.

Jeder der drei Helden versucht den Mordfall nach seinem Spezialgebiet zu lösen: Mickiewicz von der Bibliothek aus, der Marquis auf diplomatischem Parkett und der tollkühne Duport auf seine zupackende Weise direkt vor Ort. In bester Agatha-Christie-Manier müssen sie den Täter finden. Die klassischen Zutaten sind vorhanden: Ein abgelegenes Schloss, ein gutes Dutzend Verdächtiger und ein erst allmählich erkennbares Motiv für die Tat.

Die Geschichte ist spannend, auch wenn es im Mittelteil einige Längen gibt, weil historische Ereignisse den Kriminalfall zu sehr in den Hintergrund drängen. Doch auch (oder besser gerade) in diesen Szenen kommen die Qualitäten des Romans zu Geltung. Da wäre zum einen der gut recherchierte Hintergrund: Fiktive treffen auf historische Figuren. Letztere bekommen dabei authentische eigene Aussprüche (mit Quellenangabe) in den Mund gelegt. Außerdem die sorgfältig gearbeiteten Dialoge, für die man sich eine Hörbuchfassung wünscht. Und nicht zuletzt der Humor:

»Als der Vikar ihrer ansichtig wurde, soll er sich mit den Worten, dass ihn der doppelgesichtige Teufel hole, laut schreiend aus dem Fenster gestürzt haben.«

»In welchem Stock lag das Zimmer des Vikars?«

»Zu ebener Erde.«

Der Marquis kniff ein Auge zusammen. »Dann wird ihm der Sturz schwerlich das Leben gekostet haben, oder?«

»Es war nicht der Sturz, der ihn das Leben kostete, sondern das Pferdegespann, welches gerade Bier und Wein in die königliche Krankenanstalt brachte.«

Sehr drollig fand ich auch, dass Mickiewicz zur Tarnung als der Genfer Bankier Brouillé auftreten soll, womit er überhaupt nicht einverstanden ist. Dies führt zu dem Effekt, dass der Titelheld des Romans seinen Namen bei jeder Gelegenheit verleugnet.

Wenn Brouillé … pardon, Mickiewicz am Ende alle Verdächtigen in der Bibliothek versammelt und den gesamten Fall noch einmal Detail für Detail resümiert, dann fühlt man sich an die großen Detektive der Kriminalliteratur erinnert. Schließlich war Hercule Poirot ja auch Franzose. Nein? War er nicht? Belgier, ach so. Nun, auch hier ist am Ende nicht alles so, wie es anfangs scheint.

Für den dritten Band »Madeleine« hat der Autor eine recht interessante Vermarktungsstrategie gewählt: Er sucht 99 Förderer, die sein Projekt unterstützen, bevor das Buch in den Druck geht. Nähere Informationen dazu findet man unter http://1668cc.wordpress.com/99-2/. Ich bin bereits dabei, denn ich will auf jeden Fall wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Richard K. Breuer: Brouillé | Deutsch
Selbstverlag 2010 | 340 Seiten | amazon-info

Tagged with:
 


Ned Beauman: Flieg, Hitler, flieg!

Flieg, Hitler, flieg!Wie alle Kapitalisten behandle ich den freien Markt wie eine reiche alte Großmutter; ich betone, wie sehr ich die alte Schlampe verehre, bezeichne sie als rüstig, nutze aber ihre Lethargie und Demenz mutwillig aus, um Profit daraus zu schlagen. Im Hauptberuf bin ich auf die Alliierten des Zweiten Weltkriegs spezialisiert, aber ich mach auch den Krimkrieg, den Ersten Weltkrieg und Vietnam und das ein oder andere japanische Samurai-Schwert.

Kevin Broom sucht im Auftrag eines reichen Sammlers nach Nazi-Devotionalien. Er findet neben der Leiche eines Privatdetektivs einen Brief von Adolf Hitler an den englischen Käferforscher Erskine, in dem er dem Wissenschaftler für ein besonderes Geschenk dankte. Erskine beschäftigte sich 1934 mit Eugenik und hatte eine neue Käferart entdeckt, deren Musterung die Form eines Hakenkreuzes hat und die er Anophthalmus hitleri nannte.

Die Käfer waren besonders robust und Erskine träumte davon, seine Forschungen auf Menschen auszudehnen. Sein begehrtes Forschungsobjekt war der jüdische Boxer Seth »Sinner« Roach, der im Alter von sechzehn Jahren und trotz seiner geringen Körpergröße jeden Gegner besiegt. Um das Rätsel der Käfer zu lösen, macht sich Kevin zusammen mit einem Killer auf die Suche nach dem Grab des Boxers.

Klingt wie ein abgedrehter Pulp-Krimi, in dem die Nazis mal wieder als MacGuffin herhalten müssen. Als solchem würde man dem Roman sicher einiges nachsehen, aber er ist ein ehrgeiziges Stück Literatur und wird sicher auf einige Ablehnung stoßen. »Flieg, Hitler, flieg!« ist nicht immer geschmackssicher und durchgehend respektlos, aber nie billig oder beleidigend.

Im Original heißt das Buch »Boxer, Beetle« und suggeriert keine so übergroße Bedeutung Hitlers, wie der Effekt heischende deutsche Titel samt Cover. Hitler ist nur eine von vielen reißerischen Zutaten. Und der Autor hat sehr viele Zutaten in seinen Roman gepackt, was nicht per se schlecht ist, aber leider gelingt es ihm nicht, sie alle ordentlich und sinnvoll zu verknüpfen. Manche wirken, als sollten sie nur Neugier wecken: Der verwirrte Wissenschaftler, der seine unterdrückte Homosexualität mit dem Boxer auslebt; der Nerd, der unter einem Syndrom leidet, dass seinem Schweiß und Urin einen penetranten Geruch nach faulem Fisch verleiht; der Auftragskiller, der die Tätowierung der geheimen Thule-Gesellschaft trägt; die mutantenartigen Käfer, die einem Horrorfilm entsprungen sein könnten.

Die Lektüre ließ mich mit sehr ambivalenten Gefühlen zurück. Man könnte eine Menge Schwächen und Ungereimtheiten aufzählen, verpasste Gelegenheiten und ungenutzte Ideen. Und doch bin ich froh, dieses Buch gelesen zu haben. Was vor allem an den Kapiteln mit Kevin Broom liegt. Von den drei Handlungssträngen ist jener der mit Abstand gelungenste, aber leider auch der kürzeste. Daraus hätte eine phantastische Novelle werden können. Mehr als einmal war ich während der Lektüre versucht, die beiden anderen Handlungsstränge zu überblättern, um weiter dieser Figur folgen zu können.

»Flieg, Hitler, flieg!« ist provozierend und unterhaltsam. Es verdient weder die enthusiastischen Lobeshymnen noch die gnadenlosen Verisse in der Presse. Aber auch wenn es noch nicht der große Wurf ist, kommt der Autor auf meinen Merkzettel.

Ned Beauman: Flieg, Hitler, flieg! | Deutsch von Sophie Kreutzfeldt
Dumont 2010 | 280 Seiten | amazon-info

Tagged with:
 


Terry Pratchett: Eine Insel

Eine Insel»Ein neues Buch von Terry Pratchett! Hurra!« Das beschreibt die übliche Reaktion eines Kenners der Werke Pratchetts (genauer: eines Fans) wohl am besten. Im Falle von »Nation« (dt. »Eine Insel«) wahrscheinlich gefolgt von einem kurzen Zögern und Stutzen: »Wie? Kein Scheibenwelt-Roman?«

Wer mit den Begriffen »Scheibenwelt« (engl. »Discworld«) und dem Namen Pratchett bislang wenig anfangen konnte, dem sei dringend ans Herz gelegt, das eine oder andere Buch nachzukaufen und mit Genuss zu lesen.

Pratchetts Scheibenwelt feierte unlängst den 25ten Geburtstag ihrer Erstveröffentlichung (»The Colour of Magic«, 1983) und zum Jubiläum bietet uns Terry Pratchett ein Buch, das mit Sicherheit zu den besten Veröffentlichungen in den 48 Jahren seiner schriftstellerischen Tätigkeit gehört – und Pratchett hat in den letzten 25 Jahren im Schnitt zwei Bücher pro Jahr veröffentlicht! Nur spielt die Handlung nicht auf der Scheibenwelt, sondern in einer alternativen Variante des 19. Jahrhunderts unserer Erde.

Den Witz, die intellektuelle Kraft, seinen ebenso federleichten wie tiefschürfenden Stil, alles, was seine Bücher so einzigartig macht, finden wir indes auch auf der »Insel« wieder. Nur keine Magie, keine Zwerge, keine andere Welt, die er sonst nutzt, um uns Erdenmenschen ebenso aberwitzig wie gekonnt den Spiegel vorzuhalten. Das ist aber auch gar nicht nötig, »Eine Insel« ist ein echter Pratchett, das ist nach schon wenigen Worten sonnenklar.

Um was geht es denn nun eigentlich? Mau, ein echter Eingeborener einer südpazifischen Insel (genannt: die Pelagischen Inseln, dieses Mal nicht im Mittelmeer) wird erwachsen. Nicht einfach so, er verbringt einen Monat auf einem kleinen Atoll und muss alleine wieder zur Heimatinsel, der »Nation« zurückkehren, um zum Mann zu werden. Just, als er sich auf die Heimreise macht, wird er und alles, was er kennt, zum Opfer einer Naturgewalt. Eine riesenhafte Welle zerstört seine Heimat und tötet alle, die er kennt. Alles, was er zu Hause findet, ist Tod und Zerstörung.

Währendessen grassiert im alten England eine Seuche, die das Königspaar hinrafft, und es besteht die Gefahr, dass England künftig von einem Franzosen regiert wird. Daphne ist eine der Thronerbinnen des Königreiches, die 139 der Linie wohlgemerkt, strandet aufgrund der Katastrophe auf eben jener Insel, auf der das Volk von Mau lebte. Außer ihr und dem fluchenden Schiffspapagei gibt es keine weiteren Überlebenden.

Ein kleiner Einschub: Entgegen dieser so dargestellt brutal anmutenden Anfangssequenz ist Pratchetts »Nation« ein Roman für alle Altersstufen, ein Jugendbuch zum Spass haben und lernen – man könnten daraus einer Gruppe gestandener Intellektueller etwas vorlesen, auch sie würden alle noch etwas daraus lernen können.

Das Aufeinandertreffen und Kennenlernen der beiden Protagonisten gestaltet sich zunächst natürlich komplex. Entwicklung und kulturelle Hintergründe, Meinungen über »Gott und die Welt« im wortwörtlichsten Sinn könnten kaum unterschiedlicher sein. Dazu kommt noch ein immenses Kommunikationsproblem. Mau und Daphne müssen daran arbeiten, ein gemeinsames Bezugs-, Sprach- und Glaubenssystem zu entwickeln.

Während ihrer Zeit auf der Insel gehen sie daran, die »Nation« wiederauferstehen zu lassen. Weitere Schiffbrüchige sammeln sich nach und nach mit ihnen auf der Insel. Konstellationen rund um gegenseitige Abhängigkeit und Verantwortung, Themen wie Führungsstil, -verständnis und -persönlichkeit werden besprochen und illustriert. Mau ist der Leader der Nation, seine Rolle bekommt er wie selbstverständlich, wobei er seine Kraft und Rolle nicht nur aus Situationen oder Herkunft, sondern auch aus seinen Schwächen gewinnt. Und alles das in diesem Stil, dieser unnachahmlichen Sprache eines Terry Pratchett, auf über 440 Seiten (deutsche Ausgabe). Herrlich!

Terry Pratchett: Eine Insel | Deutsch von Peder Brehnkmann
cbj 2009 | 448 Seiten | amazon-info

Tagged with:
 


Vikas Swarup: Immer wieder Gandhi

Immer wieder GandhiNicht alle Tode sind gleich, und selbst für Mord gilt das Kastenwesen. Wird ein armer Rikschafahrer abgestochen, ist das nur etwas für die Statistik, eine Meldung, die irgendwo im hinteren Teil der Zeitung verschwindet. Der Mord an einem Prominenten aber macht sofort Schlagzeilen, denn die Reichen und Berühmten werden selten umgebracht. Sie führen ein Fünf-Sterne-Leben und sterben, wenn nicht an einer Überdosis Kokain oder durch irgendeinen verrückten Unfall, meist auch einen Fünf-Sterne-Tod, glücklich ergraut in hohem Alter, allerdings nicht ohne zuvor die eigene Sippe samt dazugehörigen Vermögen kräftig vermehrt zu haben.

Der Unternehmer Vicky Rai, der sich bei seinen Machenschaften gerne Gangstermethoden bedient, hatte eine Kellnerin erschossen, weil sie ihm nach Beginn der Sperrstunde einen Drink verweigerte. Sein politischer Einfluss verhalf ihm zum Freispruch. Auf dem rauschenden Fest zu diesem Anlass wird er erschossen.

Man verhaftet sechs bewaffnete Verdächtige: den texanischen Gabelstaplerfahrer Larry, der von Heiratsschwindlern geprellt und nach Indien gelockt wurde; Handy-Dieb Munna, der sich in ein Mädchen aus der Oberschicht verliebt hat; den korrupten Politiker Mohan, der nach einer Fernseh-Seance vom Geist Mahatma Gandhis besessen ist; Eketi, der den heiligen Stein seines Dorfes sucht; die Bollywood-Schauspielerin Shabnam und, nicht zuletzt, Vicky Rais eigener Vater.

Der Enthüllungsjournalist Arun Advani erforscht die Geschichten dieser sechs Verdächtigen und findet heraus, dass jeder von ihnen einen triftigen Grund hatte, Vicky Rai zu töten.

Das Buch erzählt die Vorgeschichte jedes der sechs Verdächtigen und damit einen Querschnitt durch die indische Gesellschaft. Der Autor nutzt sein breitgefächertes Figurenrepertoire, um eine Vielzahl der gesellschaftlichen Probleme anzuschneiden. Das Land wird als Schmelztiegel aus Religion, Korruption, Bollywood, Bräuchen, Armut, Kastenwesen und Verbrechen geschildert.

Die Ausgrenzung von ethnischen Gruppen wird genauso angeprangert, wie die strikte Trennung sozialer Schichten und der Umgang mit Frauen. Trotz vieler bedrückender Themen nutzt das Buch die gesamte Gefühlspalette. Die einzelnen Handlungsstränge sind unterhaltend, kurzweilig, mal heiter, mal spannend und oft anrührend. Der Leser wird immer wieder überrascht, durch welche Verwicklungen und schwindelerregenden Ereignisse die Motive der Figuren entstehen.

Der erste Roman des Autors Vikas Swarup wurde unter dem Titel »Slumdog Millionaire« verfilmt und gewann acht Oscars. Wer von diesem Film begeistert war, wird auch von »Immer wieder Gandhi« bestens unterhalten. Ein Schmöker, dessen Aufbau die Spannung und Faszination bis zum Ende nicht abreißen lässt, und der uns wieder daran erinnert, warum wir das Lesen lieben.

Vikas Swarup: Immer wieder Gandhi | Deutsch von Bernhard Robben
Kiepenheuer & Witsch 2010 | 622 Seiten | amazon-info

Tagged with:
 


Anne Michaels: Wintergewölbe

WintergewölbeWer vor mehr als zehn Jahren voller Anteilnahme und Begeisterung Michaels ersten Roman »Fluchtstücke« gelesen und sich ob dieses Genusses ungeduldig auf einen zweiten Roman gefreut hat, ist durch »Wintergewölbe« mehr als nur entschädigt worden.

Elke Heidenreich sagte damals zu »Fluchtstücke«: »Ein kleines Wunder« und überschlug sich schier mit ihrem Lob für die Kunst der kanadischen Schriftstellerin. Zu Recht. Und um bei Elke Heidenreich zu bleiben: Im Stern hat sie über »Wintergewölbe« geschrieben: »Sehr still, sehr intensiv, sehr schön.« Intensiv und dicht ist die Erzählweise von Anne Michaels, ihre Sprache hoch poetisch und in ihren Facetten geschliffen. Fast meint man spüren zu können, warum zehn Jahre nötig waren, um diese schönen und eindringlichen Bilder sprachlich zu erschaffen und so wohl komponiert zu einem Roman zusammenzufügen.

Eben diese Dichte und Vielschichtigkeit der Erzählung sind es auch, die »Wintergewölbe« zu keinem einfachen Buch machen. Bedeutungsvoll sind die Bilder, die menschliche Existenz umfassend die Themen, die Michaels besprochen haben will. Liebe, Vergänglichkeit, Verlust, Leben und Sterben, Erinnern, Vergessen, die Frage, wie es denn danach weitergehen kann. Anne Michaels überblickt in ihrem Roman Jahrtausende der Menschheitsgeschichte, ihre Charaktere agieren über Kontinente. Kein einfaches Buch. Wohl aber ein eindrucksvolles.

Aber um was dreht sich denn nun die Handlung, die all dies abzudecken vermag? Michaels bietet erneut eine epische Erzählung, die die Macht der Liebe postuliert. Kennen gelernt haben sich Avery und Jean in der kanadischen Natur bzw. in der Natur, die nach der Schiffbarmachung des St. Lorenz Stromes noch übrig war.

Im trockengelegten, alten Flussbett begegnen sie sich. Avery, der Ingenieur betrachtet die Zerstörung, die er mit verursacht hat, Jean sammelt letzte Zeugnisse einer verschwindenden Natur. Gemeinsam gehen sie nach Afrika, Avery ist dort verantwortlich für die Versetzung des Tempels Abu Simbel, der infolge des Assuan Staudammes sonst im Stausee verschwinden würde. Wir befinden uns im Jahre 1964. Nach der Zerstörung in Kanada hat Avery die Hoffnung auf Wiedergutmachung, darauf, hier etwas retten zu können.

Jean und Avery verbindet ein gemeinsames Thema, die Zerstörung der Natur durch den Menschen. Und es wird klar, einen Tempel zu versetzen, das macht den Verrat und die Gewalt gegen die Menschen und ihre Geschichte nicht ungeschehen. Es ist Augenwischerei. Jean, die schwanger ist, verliert ihr Kind, bald darauf verlieren sich Avery und Jean. Die Beziehung zerbricht.

Der Roman folgt Jean, wie sie sich in Toronto in Lucjan verliebt, einen Überlebenden des Warschauer Ghettos. Er gibt ihr nach und nach Perspektive zurück, verkörpert in der Erzählung ein Motiv des Wiederkehrens. Der Titel des Buches, eine von vielen Metaphern, wird von Lucjan erklärt: Ein Wintergewölbe ist ein Bauwerk, um die Toten zu beherbergen, so lange der Boden zu hart gefroren ist, um sie zu begraben.

Anne Michaels: Wintergewölbe | Deutsch von Gerhard Falkner und Nora Matocza
Berlin Verlag 2009 | 349 Seiten | amazon-info

Tagged with: