Richard K. Breuer: Brouillé

Brouillé»Sehen Sie, Monsieur«, beginnt Triboulet – »es ist ein wenig … kompliziert. Manchmal scheinen die Dinge sehr einfach, aber dann … wenn man näher geht und sie neuerlich betrachtet, dann sehen die Dinge völlig anders aus. Nun, Monsieur Winterhalter hat nur seine ihm auferlegten Aufgaben erfüllt. Vielleicht war Monsieur Winterhalter das ein oder andere Mal zu hart … zu wenig gnädig, wenn es darum ging, die fälligen Abgaben bei den Bauern einzufordern.«

Frankreich im März 1789. Der Marquis d’Angélique erfährt von ungewöhnlichen Vorgängen im Schloss des Vicomte de Moucel. Der Gutsverwalter Winterhalter wurde ermordet, doch niemand hat großes Interesse an der Suche nach dem Mörder. Alle Bauern der Umgebung hassten ihn. Sein Tod scheint mit einer Quelle zu tun zu haben, deren Wasser man heilende Wirkung zuspricht, und die angeblich verkauft werden soll. Gemeinsam mit dem Gelehrten Mickiewicz und dem amerikanischen Draufgänger Duport begibt der Marquis sich zum Schloss. Die Adoptivtochter des Schlossherrn wird entführt und als Lösegeld eine Schenkungsurkunde für das Landstück mit der Quelle gefordert. Aber dies ist nur der Auftakt zu einer ganzen Reihe folgenschwerer Verwicklungen.

»Brouillé« ist der zweite Band einer vierteiligen Reihe über die Französische Revolution. Er ist aber in sich abgeschlossen und schildert eine Etappe auf der Reise der drei Hauptfiguren nach Paris. Der erste Band ist nicht unbedingt notwendig, um der Handlung zu folgen, die Lektüre empfiehlt sich trotzdem, schon allein, um die drei Hauptfiguren besser kennenzulernen, die im ersten Band ausführlich vorgestellt werden.

Jeder der drei Helden versucht den Mordfall nach seinem Spezialgebiet zu lösen: Mickiewicz von der Bibliothek aus, der Marquis auf diplomatischem Parkett und der tollkühne Duport auf seine zupackende Weise direkt vor Ort. In bester Agatha-Christie-Manier müssen sie den Täter finden. Die klassischen Zutaten sind vorhanden: Ein abgelegenes Schloss, ein gutes Dutzend Verdächtiger und ein erst allmählich erkennbares Motiv für die Tat.

Die Geschichte ist spannend, auch wenn es im Mittelteil einige Längen gibt, weil historische Ereignisse den Kriminalfall zu sehr in den Hintergrund drängen. Doch auch (oder besser gerade) in diesen Szenen kommen die Qualitäten des Romans zu Geltung. Da wäre zum einen der gut recherchierte Hintergrund: Fiktive treffen auf historische Figuren. Letztere bekommen dabei authentische eigene Aussprüche (mit Quellenangabe) in den Mund gelegt. Außerdem die sorgfältig gearbeiteten Dialoge, für die man sich eine Hörbuchfassung wünscht. Und nicht zuletzt der Humor:

»Als der Vikar ihrer ansichtig wurde, soll er sich mit den Worten, dass ihn der doppelgesichtige Teufel hole, laut schreiend aus dem Fenster gestürzt haben.«

»In welchem Stock lag das Zimmer des Vikars?«

»Zu ebener Erde.«

Der Marquis kniff ein Auge zusammen. »Dann wird ihm der Sturz schwerlich das Leben gekostet haben, oder?«

»Es war nicht der Sturz, der ihn das Leben kostete, sondern das Pferdegespann, welches gerade Bier und Wein in die königliche Krankenanstalt brachte.«

Sehr drollig fand ich auch, dass Mickiewicz zur Tarnung als der Genfer Bankier Brouillé auftreten soll, womit er überhaupt nicht einverstanden ist. Dies führt zu dem Effekt, dass der Titelheld des Romans seinen Namen bei jeder Gelegenheit verleugnet.

Wenn Brouillé … pardon, Mickiewicz am Ende alle Verdächtigen in der Bibliothek versammelt und den gesamten Fall noch einmal Detail für Detail resümiert, dann fühlt man sich an die großen Detektive der Kriminalliteratur erinnert. Schließlich war Hercule Poirot ja auch Franzose. Nein? War er nicht? Belgier, ach so. Nun, auch hier ist am Ende nicht alles so, wie es anfangs scheint.

Für den dritten Band »Madeleine« hat der Autor eine recht interessante Vermarktungsstrategie gewählt: Er sucht 99 Förderer, die sein Projekt unterstützen, bevor das Buch in den Druck geht. Nähere Informationen dazu findet man unter http://1668cc.wordpress.com/99-2/. Ich bin bereits dabei, denn ich will auf jeden Fall wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Richard K. Breuer: Brouillé | Deutsch
Selbstverlag 2010 | 340 Seiten | amazon-info

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Ned Beauman: Flieg, Hitler, flieg!

Flieg, Hitler, flieg!Wie alle Kapitalisten behandle ich den freien Markt wie eine reiche alte Großmutter; ich betone, wie sehr ich die alte Schlampe verehre, bezeichne sie als rüstig, nutze aber ihre Lethargie und Demenz mutwillig aus, um Profit daraus zu schlagen. Im Hauptberuf bin ich auf die Alliierten des Zweiten Weltkriegs spezialisiert, aber ich mach auch den Krimkrieg, den Ersten Weltkrieg und Vietnam und das ein oder andere japanische Samurai-Schwert.

Kevin Broom sucht im Auftrag eines reichen Sammlers nach Nazi-Devotionalien. Er findet neben der Leiche eines Privatdetektivs einen Brief von Adolf Hitler an den englischen Käferforscher Erskine, in dem er dem Wissenschaftler für ein besonderes Geschenk dankte. Erskine beschäftigte sich 1934 mit Eugenik und hatte eine neue Käferart entdeckt, deren Musterung die Form eines Hakenkreuzes hat und die er Anophthalmus hitleri nannte.

Die Käfer waren besonders robust und Erskine träumte davon, seine Forschungen auf Menschen auszudehnen. Sein begehrtes Forschungsobjekt war der jüdische Boxer Seth »Sinner« Roach, der im Alter von sechzehn Jahren und trotz seiner geringen Körpergröße jeden Gegner besiegt. Um das Rätsel der Käfer zu lösen, macht sich Kevin zusammen mit einem Killer auf die Suche nach dem Grab des Boxers.

Klingt wie ein abgedrehter Pulp-Krimi, in dem die Nazis mal wieder als MacGuffin herhalten müssen. Als solchem würde man dem Roman sicher einiges nachsehen, aber er ist ein ehrgeiziges Stück Literatur und wird sicher auf einige Ablehnung stoßen. »Flieg, Hitler, flieg!« ist nicht immer geschmackssicher und durchgehend respektlos, aber nie billig oder beleidigend.

Im Original heißt das Buch »Boxer, Beetle« und suggeriert keine so übergroße Bedeutung Hitlers, wie der Effekt heischende deutsche Titel samt Cover. Hitler ist nur eine von vielen reißerischen Zutaten. Und der Autor hat sehr viele Zutaten in seinen Roman gepackt, was nicht per se schlecht ist, aber leider gelingt es ihm nicht, sie alle ordentlich und sinnvoll zu verknüpfen. Manche wirken, als sollten sie nur Neugier wecken: Der verwirrte Wissenschaftler, der seine unterdrückte Homosexualität mit dem Boxer auslebt; der Nerd, der unter einem Syndrom leidet, dass seinem Schweiß und Urin einen penetranten Geruch nach faulem Fisch verleiht; der Auftragskiller, der die Tätowierung der geheimen Thule-Gesellschaft trägt; die mutantenartigen Käfer, die einem Horrorfilm entsprungen sein könnten.

Die Lektüre ließ mich mit sehr ambivalenten Gefühlen zurück. Man könnte eine Menge Schwächen und Ungereimtheiten aufzählen, verpasste Gelegenheiten und ungenutzte Ideen. Und doch bin ich froh, dieses Buch gelesen zu haben. Was vor allem an den Kapiteln mit Kevin Broom liegt. Von den drei Handlungssträngen ist jener der mit Abstand gelungenste, aber leider auch der kürzeste. Daraus hätte eine phantastische Novelle werden können. Mehr als einmal war ich während der Lektüre versucht, die beiden anderen Handlungsstränge zu überblättern, um weiter dieser Figur folgen zu können.

»Flieg, Hitler, flieg!« ist provozierend und unterhaltsam. Es verdient weder die enthusiastischen Lobeshymnen noch die gnadenlosen Verisse in der Presse. Aber auch wenn es noch nicht der große Wurf ist, kommt der Autor auf meinen Merkzettel.

Ned Beauman: Flieg, Hitler, flieg! | Deutsch von Sophie Kreutzfeldt
Dumont 2010 | 280 Seiten | amazon-info

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Terry Pratchett: Eine Insel

Eine Insel»Ein neues Buch von Terry Pratchett! Hurra!« Das beschreibt die übliche Reaktion eines Kenners der Werke Pratchetts (genauer: eines Fans) wohl am besten. Im Falle von »Nation« (dt. »Eine Insel«) wahrscheinlich gefolgt von einem kurzen Zögern und Stutzen: »Wie? Kein Scheibenwelt-Roman?«

Wer mit den Begriffen »Scheibenwelt« (engl. »Discworld«) und dem Namen Pratchett bislang wenig anfangen konnte, dem sei dringend ans Herz gelegt, das eine oder andere Buch nachzukaufen und mit Genuss zu lesen.

Pratchetts Scheibenwelt feierte unlängst den 25ten Geburtstag ihrer Erstveröffentlichung (»The Colour of Magic«, 1983) und zum Jubiläum bietet uns Terry Pratchett ein Buch, das mit Sicherheit zu den besten Veröffentlichungen in den 48 Jahren seiner schriftstellerischen Tätigkeit gehört – und Pratchett hat in den letzten 25 Jahren im Schnitt zwei Bücher pro Jahr veröffentlicht! Nur spielt die Handlung nicht auf der Scheibenwelt, sondern in einer alternativen Variante des 19. Jahrhunderts unserer Erde.

Den Witz, die intellektuelle Kraft, seinen ebenso federleichten wie tiefschürfenden Stil, alles, was seine Bücher so einzigartig macht, finden wir indes auch auf der »Insel« wieder. Nur keine Magie, keine Zwerge, keine andere Welt, die er sonst nutzt, um uns Erdenmenschen ebenso aberwitzig wie gekonnt den Spiegel vorzuhalten. Das ist aber auch gar nicht nötig, »Eine Insel« ist ein echter Pratchett, das ist nach schon wenigen Worten sonnenklar.

Um was geht es denn nun eigentlich? Mau, ein echter Eingeborener einer südpazifischen Insel (genannt: die Pelagischen Inseln, dieses Mal nicht im Mittelmeer) wird erwachsen. Nicht einfach so, er verbringt einen Monat auf einem kleinen Atoll und muss alleine wieder zur Heimatinsel, der »Nation« zurückkehren, um zum Mann zu werden. Just, als er sich auf die Heimreise macht, wird er und alles, was er kennt, zum Opfer einer Naturgewalt. Eine riesenhafte Welle zerstört seine Heimat und tötet alle, die er kennt. Alles, was er zu Hause findet, ist Tod und Zerstörung.

Währendessen grassiert im alten England eine Seuche, die das Königspaar hinrafft, und es besteht die Gefahr, dass England künftig von einem Franzosen regiert wird. Daphne ist eine der Thronerbinnen des Königreiches, die 139 der Linie wohlgemerkt, strandet aufgrund der Katastrophe auf eben jener Insel, auf der das Volk von Mau lebte. Außer ihr und dem fluchenden Schiffspapagei gibt es keine weiteren Überlebenden.

Ein kleiner Einschub: Entgegen dieser so dargestellt brutal anmutenden Anfangssequenz ist Pratchetts »Nation« ein Roman für alle Altersstufen, ein Jugendbuch zum Spass haben und lernen – man könnten daraus einer Gruppe gestandener Intellektueller etwas vorlesen, auch sie würden alle noch etwas daraus lernen können.

Das Aufeinandertreffen und Kennenlernen der beiden Protagonisten gestaltet sich zunächst natürlich komplex. Entwicklung und kulturelle Hintergründe, Meinungen über »Gott und die Welt« im wortwörtlichsten Sinn könnten kaum unterschiedlicher sein. Dazu kommt noch ein immenses Kommunikationsproblem. Mau und Daphne müssen daran arbeiten, ein gemeinsames Bezugs-, Sprach- und Glaubenssystem zu entwickeln.

Während ihrer Zeit auf der Insel gehen sie daran, die »Nation« wiederauferstehen zu lassen. Weitere Schiffbrüchige sammeln sich nach und nach mit ihnen auf der Insel. Konstellationen rund um gegenseitige Abhängigkeit und Verantwortung, Themen wie Führungsstil, -verständnis und -persönlichkeit werden besprochen und illustriert. Mau ist der Leader der Nation, seine Rolle bekommt er wie selbstverständlich, wobei er seine Kraft und Rolle nicht nur aus Situationen oder Herkunft, sondern auch aus seinen Schwächen gewinnt. Und alles das in diesem Stil, dieser unnachahmlichen Sprache eines Terry Pratchett, auf über 440 Seiten (deutsche Ausgabe). Herrlich!

Terry Pratchett: Eine Insel | Deutsch von Peder Brehnkmann
cbj 2009 | 448 Seiten | amazon-info

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Vikas Swarup: Immer wieder Gandhi

Immer wieder GandhiNicht alle Tode sind gleich, und selbst für Mord gilt das Kastenwesen. Wird ein armer Rikschafahrer abgestochen, ist das nur etwas für die Statistik, eine Meldung, die irgendwo im hinteren Teil der Zeitung verschwindet. Der Mord an einem Prominenten aber macht sofort Schlagzeilen, denn die Reichen und Berühmten werden selten umgebracht. Sie führen ein Fünf-Sterne-Leben und sterben, wenn nicht an einer Überdosis Kokain oder durch irgendeinen verrückten Unfall, meist auch einen Fünf-Sterne-Tod, glücklich ergraut in hohem Alter, allerdings nicht ohne zuvor die eigene Sippe samt dazugehörigen Vermögen kräftig vermehrt zu haben.

Der Unternehmer Vicky Rai, der sich bei seinen Machenschaften gerne Gangstermethoden bedient, hatte eine Kellnerin erschossen, weil sie ihm nach Beginn der Sperrstunde einen Drink verweigerte. Sein politischer Einfluss verhalf ihm zum Freispruch. Auf dem rauschenden Fest zu diesem Anlass wird er erschossen.

Man verhaftet sechs bewaffnete Verdächtige: den texanischen Gabelstaplerfahrer Larry, der von Heiratsschwindlern geprellt und nach Indien gelockt wurde; Handy-Dieb Munna, der sich in ein Mädchen aus der Oberschicht verliebt hat; den korrupten Politiker Mohan, der nach einer Fernseh-Seance vom Geist Mahatma Gandhis besessen ist; Eketi, der den heiligen Stein seines Dorfes sucht; die Bollywood-Schauspielerin Shabnam und, nicht zuletzt, Vicky Rais eigener Vater.

Der Enthüllungsjournalist Arun Advani erforscht die Geschichten dieser sechs Verdächtigen und findet heraus, dass jeder von ihnen einen triftigen Grund hatte, Vicky Rai zu töten.

Das Buch erzählt die Vorgeschichte jedes der sechs Verdächtigen und damit einen Querschnitt durch die indische Gesellschaft. Der Autor nutzt sein breitgefächertes Figurenrepertoire, um eine Vielzahl der gesellschaftlichen Probleme anzuschneiden. Das Land wird als Schmelztiegel aus Religion, Korruption, Bollywood, Bräuchen, Armut, Kastenwesen und Verbrechen geschildert.

Die Ausgrenzung von ethnischen Gruppen wird genauso angeprangert, wie die strikte Trennung sozialer Schichten und der Umgang mit Frauen. Trotz vieler bedrückender Themen nutzt das Buch die gesamte Gefühlspalette. Die einzelnen Handlungsstränge sind unterhaltend, kurzweilig, mal heiter, mal spannend und oft anrührend. Der Leser wird immer wieder überrascht, durch welche Verwicklungen und schwindelerregenden Ereignisse die Motive der Figuren entstehen.

Der erste Roman des Autors Vikas Swarup wurde unter dem Titel »Slumdog Millionaire« verfilmt und gewann acht Oscars. Wer von diesem Film begeistert war, wird auch von »Immer wieder Gandhi« bestens unterhalten. Ein Schmöker, dessen Aufbau die Spannung und Faszination bis zum Ende nicht abreißen lässt, und der uns wieder daran erinnert, warum wir das Lesen lieben.

Vikas Swarup: Immer wieder Gandhi | Deutsch von Bernhard Robben
Kiepenheuer & Witsch 2010 | 622 Seiten | amazon-info

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Anne Michaels: Wintergewölbe

WintergewölbeWer vor mehr als zehn Jahren voller Anteilnahme und Begeisterung Michaels ersten Roman »Fluchtstücke« gelesen und sich ob dieses Genusses ungeduldig auf einen zweiten Roman gefreut hat, ist durch »Wintergewölbe« mehr als nur entschädigt worden.

Elke Heidenreich sagte damals zu »Fluchtstücke«: »Ein kleines Wunder« und überschlug sich schier mit ihrem Lob für die Kunst der kanadischen Schriftstellerin. Zu Recht. Und um bei Elke Heidenreich zu bleiben: Im Stern hat sie über »Wintergewölbe« geschrieben: »Sehr still, sehr intensiv, sehr schön.« Intensiv und dicht ist die Erzählweise von Anne Michaels, ihre Sprache hoch poetisch und in ihren Facetten geschliffen. Fast meint man spüren zu können, warum zehn Jahre nötig waren, um diese schönen und eindringlichen Bilder sprachlich zu erschaffen und so wohl komponiert zu einem Roman zusammenzufügen.

Eben diese Dichte und Vielschichtigkeit der Erzählung sind es auch, die »Wintergewölbe« zu keinem einfachen Buch machen. Bedeutungsvoll sind die Bilder, die menschliche Existenz umfassend die Themen, die Michaels besprochen haben will. Liebe, Vergänglichkeit, Verlust, Leben und Sterben, Erinnern, Vergessen, die Frage, wie es denn danach weitergehen kann. Anne Michaels überblickt in ihrem Roman Jahrtausende der Menschheitsgeschichte, ihre Charaktere agieren über Kontinente. Kein einfaches Buch. Wohl aber ein eindrucksvolles.

Aber um was dreht sich denn nun die Handlung, die all dies abzudecken vermag? Michaels bietet erneut eine epische Erzählung, die die Macht der Liebe postuliert. Kennen gelernt haben sich Avery und Jean in der kanadischen Natur bzw. in der Natur, die nach der Schiffbarmachung des St. Lorenz Stromes noch übrig war.

Im trockengelegten, alten Flussbett begegnen sie sich. Avery, der Ingenieur betrachtet die Zerstörung, die er mit verursacht hat, Jean sammelt letzte Zeugnisse einer verschwindenden Natur. Gemeinsam gehen sie nach Afrika, Avery ist dort verantwortlich für die Versetzung des Tempels Abu Simbel, der infolge des Assuan Staudammes sonst im Stausee verschwinden würde. Wir befinden uns im Jahre 1964. Nach der Zerstörung in Kanada hat Avery die Hoffnung auf Wiedergutmachung, darauf, hier etwas retten zu können.

Jean und Avery verbindet ein gemeinsames Thema, die Zerstörung der Natur durch den Menschen. Und es wird klar, einen Tempel zu versetzen, das macht den Verrat und die Gewalt gegen die Menschen und ihre Geschichte nicht ungeschehen. Es ist Augenwischerei. Jean, die schwanger ist, verliert ihr Kind, bald darauf verlieren sich Avery und Jean. Die Beziehung zerbricht.

Der Roman folgt Jean, wie sie sich in Toronto in Lucjan verliebt, einen Überlebenden des Warschauer Ghettos. Er gibt ihr nach und nach Perspektive zurück, verkörpert in der Erzählung ein Motiv des Wiederkehrens. Der Titel des Buches, eine von vielen Metaphern, wird von Lucjan erklärt: Ein Wintergewölbe ist ein Bauwerk, um die Toten zu beherbergen, so lange der Boden zu hart gefroren ist, um sie zu begraben.

Anne Michaels: Wintergewölbe | Deutsch von Gerhard Falkner und Nora Matocza
Berlin Verlag 2009 | 349 Seiten | amazon-info

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Michael Chabon: Schurken der Landstraße

Schurken der LandstraßeBeiläufig wie ein fluchender Seemann griff der Afrikaner hinter sich nach seiner Wikingeraxt (deren mit Runen in den Eschenholzstiel geschnitzter Name sich in etwa mit »Schänder deiner Mutter« übersetzen ließ), doch dann waren es drei kleine Worte, die die innige Verbindung zwischen Kopf und Hals des Eindringlings bewahrten, eines drahtigen, mit einem kurzen Schwert bewaffneten alten Kerls, dem Aussehen nach ein Perser mit neugierig höhnischem Grinsen und einem dicken Narbengeflecht an der Stelle, an der einmal sein rechtes Auge war.

Im Kaukasus um das Jahr 950 reisen ein riesenhafter Afrikaner mit seiner Streitaxt und ein jüdischer Schwertkämpfer aus Regensburg umher, auf der Suche nach dem großen Geld. Amram und Zelikman inszenieren in einer Kneipe einen Schaukampf, um über die Wetten an das Geld der Zuschauer zu kommen. Ein Elefantentreiber durchschaut ihre List, doch er will sie nicht bloßstellen, sondern wegen ihres Kampfgeschicks anwerben. Sie sollen als Leibwächter von Prinz Filaq helfen, ihn nach Aserbaidschan zu bringen und seinen Anspruch auf den Thron durchzusetzen. Darüber hinaus trägt der Prinz aber auch noch ein weitaus pikanteres Geheimnis mit sich herum.

Ein erster Anschlag erfolgt bereits, bevor sie einwilligen können, und bei der Jagd auf dem heimtückischen Bogenschützen laufen sie natürlich den geprellten Kneipenbesuchern in die Arme. Mit knapper Not entkommen sie und machen sich auf ihre gefährliche Reise.

»Ein Straßenräuber, der diese Bezeichnung verdient, würde ihn zum nächsten Sklavenmarkt schleppen und sehen, welchen Preis er für ihn erzielt.«

»Ich fürchte, das erklärt unseren gemeinhin ausbleibenden Erfolg in diesem Geschäft, Zelikman«, sagte Amram. »Denn das werde ich nicht tun.«

Die Grenze zwischen historischem Roman und Fantasy a la »Conan der Barbar« ist hier fließend. Zwar gibt es einen belegbaren geschichtlichen Hintergrund in Form der längst vergessenen Chasaren, die im 10. Jahrhundert mehrheitlich zum Judentum übertraten, aber das Hauptanliegen des Autors für das Schreiben dieses Buches schien zu sein, dass es kaum jüdische Abenteuergeschichten gibt. Im Nachwort bekennt er freimütig, dass der Arbeitstitel des Buches deshalb Juden mit Schwertern lautete. Nach eigener Aussage war Chabon überdrüssig, weiter über die Midlife-Crisis amerikanischer Mittelschichtler zu schreiben, suchte sich neue Betätigungsfelder. Er bewies sehr eindrücklich, dass anspruchsvolle Literatur und Genreliteratur kein Widerspruch sein müssen. Wie auch bei dem letzten Roman von Christian Kracht bereitet es ungeheures Vergnügen, wenn sprachgewaltige Autoren knackige Abenteuergeschichten verfassen.

Michael Chabon hat sich bereits in vielen Genres betätigt. Er wurde mit seinem Debüt, dem coming-of-age-Roman »Die Geheimnisse von Pittsburgh«, zum Shootingstar der amerikanischen Literatur. Die Verfilmung seines zweiten Romans »WonderBoys« mit Michael Douglas wurde zum Kultfilm. Für »Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay« erhielt er den Pulitzerpreis. Seine Alternativweltgeschichte »Die Vereinigung jiddischer Polizisten« räumte alle namhaften SF-Preise ab und soll von Joel und Ethan Coen verfilmt werden. Darin ist das jüdische Volk nicht nach Israel gezogen, sondern nach Alaska. Außerdem hat Chabon einige Comics verfasst und am Drehbuch von »Spider-Man 2« mitgewirkt. Ein sehr vielseitiger Autor, der sich mit diesem Buch ein weiteres Genre erobert hat.

Michael Chabon: Schurken der Landstraße | Deutsch von Andrea Fischer
Kiepenheuer & Witsch 2010 | 183 Seiten | amazon-info



My Life with Frank SinatraGeorge Jacobs war 13 Jahre lang Frank Sinatras Mädchen für alles. In diesen Jahren hat der junge Farbige die Großen dieser Welt aus nächster Nähe erleben dürfen. Nur eben aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Jacobs war überall dabei, reiste um die Welt, lernte Stars wie Marilyn Monroe, Dean Martin, Billie Holliday, Cole Porter, Judy Garland und Humphrey Bogart kennen – und natürlich auch deren dunkle Seiten. Die widersprüchlichste Person in diesem Buch ist jedoch Sinatra selbst. Die Stimmungen und Ansichten des Sängers konnten blitzartig umschlagen. Wer dann in seiner Schusslinie stand, musste mit allem rechnen. Jacobs dachte fälschlicherweise, dass seine bedingungslose Loyalität ihn schützen würde. Doch auch er sollte den Zorn von »Old Blue Eyes« zu spüren bekommen.

Besonders interessant ist die Schilderung des Kennedy-Clans. Joseph Kennedy, ehemaliger Schnapsschmuggler und Patriarch der Politikerdynastie, war laut Jacobs ein Kotzbrocken und Rassist reinsten Wassers, der Jacobs spüren ließ, dass er für ihn ein Mensch zweiter Klasse war. Sein Sohn John war hingegen aus anderem Holz geschnitzt. Der spätere Präsident bestand darauf, dass Sinatras Diener ihn Jack nannte und wollte von ihm wissen, was die schwarzen Wähler wollen. Als Jacobs wiederum fragte was denn Kennedy will, antwortete der nur grinsend: »I want to fuck every woman in Hollywood«. Als Wahlkampfhelfer wurde Sinatra von den Kennedy-Brüdern toleriert. Als sie jedoch im weißen Haus saßen, wurde der Entertainer sang- und klanglos fallengelassen. Auch hier war Jacobs immer dabei.

Natürlich verrät er auch saftige Details aus dem Liebesleben des Weltstars. So überraschte der junge Mann eines Tages die nackte Marlene Dietrich mit Greta Garbo knutschenderweise in Sinatras Pool. Für seinen Boss arrangierte er die Abtreibungen seiner zahlreichen Geliebten und war stets zur Stelle, wenn Sinatra einen Aufpasser für die aktuelle Frau an seiner Seite brauchte. Sinatra war damals einer der Götter des Showbusiness. Und manchmal war er ein zorniger Gott. Für jeden Wutausbruch gab es jedoch auch großzügige Gesten und Geschenke. »Mr. S« ist neben allem Klatsch eine Zeitreise in eine längst vergangene Welt, in die Schwarze normalerweise keinen Zutritt hatten.

Selbst in seinen Memoiren steht Jacobs noch hundertprozentig hinter seinem einstigen Brötchengeber. Der feuerte ihn, nachdem in der Zeitung Fotos erschienen, auf denen Jacobs und Sinatras damalige Frau Mia Farrow eng umschlungen in einem Nachtclub tanzten. Dabei spielte er an jenem Abend für die gelangweilte Kindfrau lediglich das Kindermädchen.

Unmittelbar nach dem Erscheinen der Fotos bekam Jacobs vom Anwalt des Entertainers seine Kündigung zugestellt, verbunden mit der Auflage, nie wieder Kontakt mit ihm aufzunehmen. Selbst bei der Beerdigung des Sängers durfte er nicht erscheinen. Diesen Bruch hat Jacobs bis heute nicht verkraftet. Noch immer trauert er seinen Jahren im Schatten eines großen Mannes nach. Wie viele seiner Landsleute ist auch er dem Charme Sinatras erlegen. Gerade das macht das Buch so anrührend.

George Jacobs, William Stadiem: Mr. S: My Life with Frank Sinatra | Englisch
It Books 2004 (Reprint) | 288 Seiten | amazon-info



James Frey: Strahlend schöner Morgen

Strahlend schöner MorgenMaddie und Dylan versuchen zu sparen. Sie wollen an einem sichereren und sauberen Ort wohnen. Der größte Teil ihres Geldes geht für Miete und Essen drauf, doch sie achten auf jeden Cent, die meisten Mahlzeiten kaufen sie im 99-Cent-Laden, neue Kleider sind nicht drin. Nach zwei Monaten haben sie hundertsechzig Dollar gespart, nach vier Monaten zweihundertvierzig. Maddie zieht sich in einem Fast-Food-Restaurant eine Lebensmittelvergiftung zu, und nachdem sie die Krankenhausrechnung beglichen haben, sind sie wieder pleite.

Ein schwuler Filmstar, der zu Alibizwecken eine Frau und drei Kinder hat und sich in einen Assistenten seiner Agentur verliebt. Zwei jugendliche Ausreißer, Maddie und Dylan, die versuchen in der Stadt Fuß zu fassen. Eine Familie illegaler Einwanderer, deren hochbegabte Tochter Esperanza sich von ganz unten hocharbeitet. Ein 38-Jähriger Obdachloser, der aussieht wie 70 und sich selbst Old Man Joe nennt. Und noch viele andere mehr.

Alle haben einen Traum von Erfolg und einem guten Leben und trotz aller Schicksalsschläge gibt es seltene Momente voller Glück, so dass die Figuren nicht verzweifeln. Obwohl sie Grund genug hätten. Esperanza muss sich als Dienstmädchen von ihrer herrischen Chefin demütigen lassen, Dylans Werkstatt ist Drogenumschlagplatz einer Motorradgang, Maddie wird ständig von ihrem Chef belästigt und Old Man Joe findet eine verletzte Ausreißerin hinter den Mülltonnen eines Eiscremeladens und versucht ihr gegen eine Gruppe gefährlicher Obdachloser zu helfen. Die Liebe des Filmstars Amberton wird nicht erwidert und er fühlt sich in seinem (Luxus-) Alltagstrott gefangen.

Ihr Yogalehrer kommt, sie gehen ins Studio, machen ihre Yogaübungen ausnahmsweise mit Zehensandalen. Hinterher duschen sie, ziehen sich an und treffen sich in der Küche, wo sie mit ihren Kindern und dem Kindermädchen zu Mittag essen. Danach sind sie bei ihren jeweiligen Therapeuten (sie hat Probleme mit ihrem Vater, er mit seiner Mutter) und wiederum danach bei ihrem gemeinsamen Therapeuten (beide haben Probleme mit Berühmtheit und Lobhudelei). Nach diesen Sitzungen (meist zwei pro Woche, in schlechten Wochen auch drei) ziehen sie sich in ihren Zimmern wieder aus und treffed sich erneut am Pool. Jeder muss einen Stapel Skripts lesen. Weil die Skripts selbst an ihren Maßstäben gemessen, so grauenhaft schlecht sind, schaffen sie selten mehr als die ersten zehn Seiten.

Von schwerreichen Filmstars bis zu Gangmitgliedern in den Ghettos bietet der Roman ein Panoptikum der unterschiedlichsten Figuren und einen Querschnitt der Bevölkerung von Los Angeles. Doch die Stadt ist die Hauptfigur, deshalb gibt es keine durchgehende Handlung, sondern nur einzelne Blitzlichter auf den Lebensweg einzelner.

»Strahlend schöner Morgen« ist eine Mischung aus »Short Cuts« und »L.A. Crash«. Frey bildet das pralle Leben ab, wobei das Buch hauptsächlich bei den Gescheiterten verweilt: Diejenigen, die in ihren Kleinstädten mit herausragenden Fähigkeiten und strahlendem Aussehen hervorstachen, in L.A. aber nur einige unter Hunderttausenden sind, die jedes Jahr in die Stadt strömen, und sich mit schlechtbezahlten Jobs über Wasser halten müssen. Diejenigen, die in den Ghettos der Stadt bereits ohne Hoffnung geboren werden, sich als Kinder den unzähligen Straßengangs anschließen und durch Drogen und Gewalt versuchen sich einen Platz in der Hackordnung zu sichern. Diejenigen, die von der Stadt ausgesogen und vergessen wurden, die nach kleinen Erfolgen in die Bedeutungslosigkeit absinken, es aber nicht schaffen, der Stadt den Rücken zu kehren, um es woanders noch einmal zu versuchen.

Diese Schicksale werden mitreißend und fesselnd beschrieben. Dazwischen immer wieder Kapitel im dokumentarischen Stil, in denen Fakten und Statistiken über L.A. aufgelistet werden. Nüchtern, oft erschütternd, immer interessant. Kaum ein Aspekt, der dabei nicht angeschnitten wird. In Zwischenkapiteln wird in knappen Sätzen die Geschichte der Stadt erzählt. Dazu Dutzende von Kurzbiografien. Trotzdem wirkt das Buch an keiner Stelle trocken oder zu sachlich, alles fügt sich zu einem grandiosen Stadtportrait. Und zu einem unglaublich gutem Buch, das man an jeder beliebigen Stelle aufschlagen kann und sich sofort festliest.

James Frey ist in den USA berüchtigt für seinen Millionenbestseller »A million little pieces« (dt.: »Tausend kleine Scherben«), den er als authentische Dokumentation seines Junkiedaseins ausgab. Als der Schwindel schließlich aufflog, waren Millionen begeisterter Fans empört, darunter auch Oprah Winfrey, die ihn in ihrer Sendung öffentlich an den Pranger stellte. Dadurch erklärt sich wohl auch der erste Satz dieses Buches: Vorsicht: Dies ist keine wahre Geschichte.

James Frey: Strahlend schöner Morgen | Deutsch von Henning Ahrens
Ullstein 2009 | 590 Seiten | amazon-info

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Haruki Murakami: Afterdark

AfterdarkWer Murakami kennt, weiß, auf was er sich einstellen kann: postmoderne Erzählszenarien, reale Fiktionen, fiktionale Realitäten. Murakamis bewusst nüchtern gehaltene Sprache zieht den Leser kunstvoll in die surrealen Tiefen seiner beunruhigenden Welt.

»Afterdark« enthält eigentlich alles, was man von einem echten Murakami erwarten kann: Es gibt diese eigentlich vollkommen normalen jungen Menschen, die so desillusioniert und verloren durch den Großstadtdschungel irren, die faszinierenden und geheimnisvollen Figuren, das Abdriften in Phantasiewelten, einige Katzen.

So manch einem Rezensenten war dieser Murakami schon fast zuviel Murakami, zu stereotypisch, vielleicht nicht innovativ genug. Aber es ist doch nicht alles gleich, der Erzähler dieses Buches behält die Deutungshoheit über die Szenen, der geneigte Leser steht nicht so alleine der szenischen Interpretation gegenüber. Szene ist hier ein gutes Stichwort, »Afterdark« ist ein Roman aus Filmsequenzen, Kamerafahrten und Bildern. Eine Art »Pulp Fiction«, in die Prosa rücküberführt. Stimmungsvoll melancholisch und vielseitig. Der Jazzliebhaber Murakami bietet visuellen Jazz zum lesen, schon der Titel »Afterdark« zitiert einen Song, »Five Spots After Dark« mit Curtis Fuller an der Posaune, ein Song der sich im Buch auch wiederfindet.

»Afterdark« ist die Erzählung einer Nacht, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Um die Analogie zum Kino zu behalten, Literatur im Stile von Jarmuschs »Night on Earth«. Der Roman zieht den Leser mit einem Kameraflug – den Leser befällt recht schnell das Gefühl, quasi voyeuristisch in dieser Kamera zu sitzen – über die leuchtende Skyline eines großstädtischen Vergnügungsviertels hinein in eines dieser anonymen Restaurants, dorthin wo ein junger Posaunist gerade ein Mädchen anspricht.

Mari heißt sie, die Protagonistin dieses Romans, ihre ältere Schwester Eri war eine Klassenkameradin des jungen Mannes, mit dem sie ins Gespräch kommt, mit dem sie während dieser Nacht immer wieder ins Gespräch kommt. Dazwischen erlebt sie Episoden in dieser seltsamen Welt des Rotlichtviertels, es geht um misshandelte Prostituierte, Büroangestellte in rund um die Uhr offenen Supermärkten und so fort. Und es geht um Maris Schwester, die so wunderschön ist, dass Mari unter Komplexen leidet. Und sie leidet gleichzeitig unter der deswegen stattfindenden Entfremdung von ihrer Schwester.

Eri hingegen schläft bereits seit Monaten, um vor dieser oberflächlichen Welt, vor ihrer Existenz als Model zu flüchten. Hier verliert sich der objektive Blick des Erzählers in einen Dämmerzustand zwischen Traum und Realität. Zwischen den Schwestern, diesen Frauen auf der Flucht, spinnt sich der Roman seinen Weg durch die Nacht, nur um seine Protagonisten am nächsten Morgen ohne Klärung, aber mit neuer Hoffnung in ihr ab jetzt wieder unbeobachtetes Leben zu entlassen.

Haruki Murakami: Afterdark | Deutsch von Ursula Gräfe
btb Verlag 2007 | 240 Seiten | amazon-info

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Die Glasbücher der Traumfresser»Was für ein Mumpitz! Erst behaupten Sie, ich sei eine Mörderin, eine Agentin, die sich gegen Sie verschworen hat, und jetzt bin ich bloß ein verirrtes Mädchen mit Liebeskummer? Was von beidem wollen Sie denn nun glauben? Sagen Sie es mir, damit ich Sie umso zielsicherer verspotten kann!«

Im viktorianischen England verfolgt die vermögende Miss Temple ihren ehemaligen Verlobten, der kurz zuvor ihre Verbindung gelöst hatte. Sie reist ihm im Zug hinterher und folgt ihm in ein geheimnisvolles Haus, in dem gerade ein Maskenball stattfindet. Dort halten sich auch die beiden anderen Helden dieses Abenteuers auf: Ein mysteriöser Killer namens Chang, den man wegen seines roten Mantels auch den Kardinal nennt, und Dr. Svenson, den Leibarzt eines deutschen Adeligen.

Sie kommen auf die Spur einer großangelegten Verschwörung um eine verhängnisvolle Erfindung. Alles dreht sich um geheimnisvolle Gläser, die Erinnerungen samt den verbundenen Empfindungen speichern können. Zurück bleiben die willenlosen, leicht manipulierbaren Hüllen der Betroffenen. Jeder, der die Gläser ansieht, erlebt das Gespeicherte nach. Die gesamten Erinnerungen eines Menschen werden zu Glasbüchern zusammengefasst.

Er stand im Dämmerlicht, füllte mit seiner mächtigen Gestalt den ganzen Türrahmen aus, wirkte irgendwie sogar noch größer durch die dicke Lederschürze über seinem weißen Hemd, die riesigen ledernen Stulpenhandschuhe, die ihm bis zu den Ellenbogen reichten, und den Furcht einflößenden Messinghelm, den er sich unter einen Arm geklemmt hatte und der in Lederriemen gefasst und mit großen Glaslinsen versehen war, wie Insektenaugen, sowie seltsamen Metallkästen, die über Mund und Ohren angeschweißt waren. Sie wich vor ihm zurück ins Zimmer.

»Ich komme persönlich, um Sie abzuholen«, sagte er. »Es ist wirklich Zeit für Ihre Erlösung.«

In Form und Inhalt lehnt sich der Roman an viktorianische Groschenromane an. Die deutsche Erstausgabe war besonders liebevoll gestaltet und bestand aus einem Schuber, mit zehn einzelnen Bänden. Die Geschichte klingt nach einem abenteuerlichen Steampunk-Garn mit vielversprechenden Zutaten: Schwarze Messen, verrückte Wissenschaftler, teuflische Experimente, ein entführter Prinz, abtrünnige Militärs, geheimnisvolle Experimente, Schießereien, Luftschiffe, wilde Säbelduelle, Verfolgungsjagden per Droschke, Attentate und sexuelle Ausschweifungen.

Und trotzdem wird es auf Dauer langweilig. Immer wieder dringen die Helden in Gebäude ein und müssen daraus entkommen. Dies ist wohl dem Seriencharakter geschuldet, nachdem sich die Handlung von Folge zu Folge entwickelt. Das Buch hätte einige Straffungen vertragen. Da jeder Band mit einer Verfolgungsjagd, Flucht oder sonstigen Actionszene endet, ermüdet das Konzept recht bald. Im Mittelteil beginnt sich die Handlung im Kreis zu drehen. Einige Episoden hätten ruhigen Gewissens gestrichen werden können.

Wenn am Ende die Intrigen und Verschwörungen entwirrt und alle Zusammenhänge aufgedeckt werden, dann interessiert es leider nicht mehr. Zu langatmig und ermüdend das Hin und Her, zu unübersichtlich das Personal. Ärgerlich ist auch, dass die Idee der Glasbücher nicht ausgeschöpft wird, sondern nur ständig als Aufhänger für weitere Actionszenen herhalten muss. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen.

Inzwischen ist mit »Das Dunkelbuch« eine Fortsetzung erschienen, die direkt an die Handlung der »Glasbücher« anknüpft.

Gordon Dahlquist: Die Glasbücher der Traumfresser | Deutsch von Bernhard Kempen
Blanvalet 2009 | 928 Seiten | amazon-info

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