Buntschatten und FledermäuseUnd ich durfte mich dabei nicht überfahren lassen. Das war immer noch wichtig.

Solche Sätze sind typisch für Axel Brauns Roman »Buntschatten und Fledermäuse« – gleichzeitig erschreckend berührend und auf eine schreckliche Art zum Lachen. Eng an seine eigene Biographie angelehnt schildert Brauns in dem Roman seine Kindheit und Jugend als Autist. Ich-Erzähler Axel, geboren 1963, stellt als kleiner Junge plötzlich fest, dass er Gesichter nicht mehr richtig erkennen kann. Außerdem versteht er nur manche Worte – sowohl akustisch als auch dem Sinn nach. Vieles, was den Menschen um ihn herum von den Lippen kommt, ist für ihn nur ein Geräusch, und selbst wenn er den Wortlaut versteht, bleiben die Äußerungen für ihn oft ohne Sinn.

Dazu kommt, dass er seinen eigenen Körper nur dann als »anwesend« spürt, wenn er krank ist. Schmerzen empfindet er kaum, aber er lernt mit der Zeit, Ja zu sagen, wenn zum Beispiel Ärzte ihn fragen, ob es brennt, wenn sie Jod auf offene Wunden träufeln. Bei dem Versuch, die Erwartungen anderer zu erfüllen und sich »normal« zu verhalten, gewinnt Axel unter anderem die Erkenntnis, dass es in der Welt der Menschen um ihn herum üblich ist, Dinge zu sagen, die gar nicht stimmen.

Einer der sehr verstörenden Aspekte der Geschichte ist, dass Axels Eltern nicht merken, was mit ihrem Sohn nicht stimmt. Sie denken, er sei zurückgeblieben, dumm. Seine Mutter setzt trotzdem alles daran, dass Axel nicht auf die Sonderschule kommt. Sie lässt ihn zum Beispiel Antworten auswendig lernen, die er in der Schule aufsagt. Das Auswendiglernen bereitet ihm dabei keinerlei Mühe, aber der Sinn dessen, was er auswendig gelernt hat und aufsagt, bleibt ihm meistens verschlossen.

Mit Hilfe von Lexika und Atlanten schafft es Axel, sich auf diese Weise durch die Schule zu lavieren und schließlich sein Abitur als Drittbester seines Jahrgangs abzulegen. Selbst als er volljährig ist, scheint immer noch niemand bemerkt zu haben, dass er Autist ist – er selbst nicht, nicht seine Eltern und sein Bruder, nur eine Schulfreundin gibt ihm eine Kurzgeschichte zu lesen, in der Autismus wohl eine Rolle spielt, die Axel aber nicht versteht. Für ihn sind Menschen entweder Buntschatten, wenn sie nett zu ihm sind, oder Fledermäuse, wenn sie es nicht sind.

Axel wird bald klar, dass die Welt um ihn herum, die Welt der anderen Menschen, ihm für immer verschlossen bleiben wird, so sehr er sich auch bemüht, sie zu enträtseln. Taten, Worte und Reaktionen seiner Mitmenschen bleiben für ihn unberechenbar. Er leitet zwar Regeln aus dem Verhalten der anderen ab und versucht, sich danach zu richten, scheitert aber oft genug kläglich – zum Beispiel bei seinem Versuch, sich eine Freundin zuzulegen, die gut aussieht und schöne Brüste hat, weil er von seinen Mitschülern gehört hat, dass eine Freundin diese Kriterien erfüllen müsse. Als sie ihn fragt, ob er eine Beziehung mit »küssen und so« meine, weiß er nicht, was sie mit »und so« meint. Oder eben die Regel, sich nicht überfahren zu lassen.

Allmählich stellt er fest, dass er zwar unbegrenzt Definitionen aus Wörterbüchern auswendig lernen kann, Gefühle aber nie verstehen oder fühlen wird wie andere Menschen. Auch der Tod seines Vaters geht relativ spurlos an ihm vorüber; Axel fragt sich lediglich, warum Menschen offensichtlich Angst davor haben, »auf den Friedhof umzuziehen«.

Kein Wunder, dass Axel auch ganz anders mit Sprache umgeht. Es ist beeindruckend, mit welcher Originalität Brauns die autistische Weltsicht und Wahrnehmung seines Protagonisten einfängt – fast ein bisschen wie im ersten Kapitel von Faulkners Roman »The Sound and the Fury«, wenn auch deutlich einfacher zugänglich. Als Leser gewinnt man dabei an vielen Stellen eine ganz neue Sichtweise auf Sprache und ihre Art, die Welt abzubilden.

Axel Brauns: Buntschatten und Fledermäuse. Mein Leben in einer anderen Welt | Deutsch
Goldmann 2004 | 384 Seiten | amazon-info


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E. L. Doctorow: Homer & Langley

Homer & LangleyIch bin Homer, der blinde Bruder. Ich habe mein Augenlicht nicht auf einmal verloren, es war wie im Kino, ein langsames Ausblenden. Als man mir sagte, was da vor sich ging, wollte ich es messen, ich war damals noch keine zwanzig und voller Wissensdrang. In jenem Winter stellte ich mich an den See im Central Park, wo alle Schlittschuh liefen, und prüfte jeden Tag, was ich sehen konnte und was nicht. Zuerst verschwanden die Häuser am Central Park West …

Die beiden Brüder Homer und Langley Collyer bewohnen ein prächtiges Haus in der Fifth Avenue. Die wohlhabenden Eltern gaben bis zu ihrem Tod dort rauschende Feste für die New Yorker High Society. Jetzt leben die Brüder allein. Homer erblindet langsam und sein Bruder ist durch seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg traumatisiert. Langley ist der größere Exzentriker. Sein Bruder wirkt vernünftiger, ist aber noch weit von einem Durchschnittsbürger entfernt. Er verdient sein Geld im Kino, indem er die Stummfilme musikalisch begleitet, und hat eigens eine Schülerin engagiert, die ihm das Geschehen auf der Leinwand schildert.

Die Brüder veranstalteten Tanzpartys in ihrer geräumigen Wohnung, bis sie von korrupten Polizisten beendet werden, denen sie kein Bestechungsgeld zahlen wollen. Langley liest täglich alle Zeitungen und bewahrt sie in der Wohnung auf. Er träumt von einer einzigen, weltumfassenden Tageszeitung. Er heckt auch sonst viele unausgegorene Ideen aus, die Homer alle geduldig und bereitwillig erträgt.

Sei es Gesundheit, Nudismus oder die Heilung von Homers Blindheit. Bei jedem neuen Thema wird aus Interesse rasch Besessenheit. So lange, bis er sich für etwas anderes begeistert. Damit verbunden ist ein exzessiver Sammeltrieb. Die Wohnung ist ein einziges Sammelsurium aus Zeitungen, Schreibmaschinen, Musikinstrumente, Maschinenteilen und allem, was Langley für sammelswert hält. So bringt er ein komplettes Auto, ein Ford Model T, in der riesigen Wohnung unter. Zuletzt horten sie etwa hundert Tonnen Müll in ihrer Wohnung.

Alle theoretischen Überlegungen blieben auf der Strecke, als Langley eines Tages unsere Stromrechnung zu hoch fand und den Motor des Model T als Generator einsetzen wollte. Er führte einen Gummischlauch vom Auspuff nach draußen, wozu er einen Mann ein Loch in die Speisezimmerwand bohren ließ, und stellte durch ein zweites, durch den Fußboden gebohrtes Loch, eine Verbindung zum Sicherungskasten im Keller her. Er gab sich große Mühe, damit das Ganze funktionierte, brachte aber nur einen Heidenlärm zustande.

Die Brüder befinden sich im ständigen Streit mit ihren Gläubigern, der Baubehörde und den Stadtwerken. Aber auch mit der Presse und den Nachbarn. Immer mehr werden sie zu Einsiedlern und brechen die ohnehin nur sporadischen sozialen Kontakte zur Außenwelt ab. Als man ihnen Strom, Gas und Wasser abstellt, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlen, greifen sie auf Kerzen und einen öffentlichen Brunnen zurück. Langleys Paranoia geht so weit, dass er aus Angst vor Eindringlingen ein kompliziertes System an Fallen errichtet.

E.L. Doctorow gehört zu den großen, mehrfach preisgekrönten Autoren der USA. Zuletzt erhielt er den PEN/Faulkner Award für »Der Marsch«. Seine Romane »Welcome to Hard Times«, »Ragtime« und »Billy Bathgate« wurden erfolgreich verfilmt. Er beschäftigt sich vorwiegend mit historischen Stoffen und so ist auch »Homer & Langley« in erster Linie ein Zeitportrait. Doch das Weltgeschehen spielt sich stets im Hintergrund ab und wird dezent und subtil in die Handlung eingeflochten.

Das Buch erzählt die so wahre wie unglaubliche Geschichte der Brüder Collyer, die wohl die ersten populären Fälle des Messie-Syndroms waren. Ihren Lebens- und Leidensweg schildert Doctorow kurzweilig und in hervorragendem Stil. Er stellt seine Protagonisten nicht bloß und führt sie auch nicht als liebenswerte Exzentriker vor, sondern erzählt in prägnanten Sätzen vom Leben und Leiden zweier Männer, die sich mit ihren jeweiligen Handicaps durch eine Welt schlagen müssen, die ihnen weder Hilfe noch Verständnis, sondern nur reine Sensationsgier entgegenbringt.

Das Buch ist leider viel zu kurz und liest sich bequem an einem Nachmittag, aber die Geschichte beschäftigt den Leser noch sehr lange danach. Das Ende der Geschichte wird in wenigen Sätzen beschrieben, die man nur verstehen kann, wenn man die Hintergründe kennt. Aber ein kurzer Blick in Wikipedia zeigt, wie gelungen Doctorow dieses Ende gestaltet hat.

Erwähnenswert ist auch noch die meisterliche Umschlaggestaltung. Das Cover von »Homer & Langley« gehört zu den schönsten, die ich kenne. Somit ein in jeder Hinsicht außerordentlich gelungenes Buch.

E. L. Doctorow: Homer & Langley | Deutsch von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch 2010| 219 Seiten | amazon-info


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Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger

Schiffbruch mit TigerWas für eine verrückte Geschichte. Was für eine verquere Psychologie. Ich bat ihn, mir noch eine andere zu erzählen, eine, die ein wenig einleuchtender war.

So lautet Pis Patels Reaktion, als er zum ersten Mal von einem christlichen Geistlichen die Jesus-Geschichte hört und sie mit den Geschichten vergleicht, die er vom Hinduismus gewohnt ist. Pi wächst im Indien der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts als Sohn eines Zoodirektors auf.

Obwohl seine Eltern ihn weltlich erziehen und religiöse Rituale als reine Formsache sehen, begeistert sich der junge Pi erst für den Hinduismus, dann für das Christentum und schließlich auch noch für den Islam. Seine Beobachtungen über das Christentum aus der Sicht eines Hindus (»Das Christentum ist eine Religion, die es immer eilig hat«) sind dabei ebenso amüsant wie die Erklärungsversuche, die er seinen Eltern und erst recht den drei Vertretern der verschiedenen Religionen gibt. Das alles dient Yann Martel jedoch nur als Vorbereitung für die eigentliche Geschichte, um die es in diesem Buch geht.

Als Pi, der mit vollem Namen Piscine Molitor Patel heißt und nach einem französischen Schwimmbad benannt wurde, 16 Jahre alt ist, beschließt sein Vater, aus politischen Gründen sein Heimatland Indien zu verlassen und nach Kanada auszuwandern. Die Zootiere verkauft er, bevor er auswandert, an Zoos in aller Welt. Ein Teil davon reist an Bord desselben Schiffes, mit dem Pis Familie nach Kanada aufbricht. Mitten auf dem Pazifik sinkt das Schiff und Pi endet als einziger Überlebender in einem Rettungsboot – zusammen mit einer Tüpfelhyäne, einem Zebra, einem Orang Utan und einem bengalischen Tiger namens Richard Parker.

Innerhalb der ersten zwei Tage tötet die Hyäne vor Pis Augen das Zebra und den Orang Utan. Pi rechnet damit, dass er als nächster an der Reihe ist, doch kurz darauf erholt sich der Tiger von seiner Seekrankheit und tötet die Hyäne. Von da an ist Pi alleine mit Richard Parker.

Es beginnt ein zäher Kampf ums Überleben, in dem Pi sich nicht nur gegen die Elemente, vor allem das Meer und das Wetter, behaupten und für sich selbst genug Essen und Wasser auftreiben muss, sondern er auch noch Richard Parker versorgen und zähmen muss – oder ihm zumindest klar machen, dass er das Alpha-Tier der beiden ist. Eine große Stütze sind ihm dabei die Vorräte, die in dem Rettungsboot verstaut waren, ein Überlebenshandbuch für Schiffbrüchige mit vielen mehr oder weniger hilfreichen Tipps (»Grünes Wasser ist flacher als blaues«), seine Gedanken an Gott und sein Wissen über das Vermenschlichen von Tieren und die animalischen Seiten im Menschen.

Von Juli bis Februar treiben Pi und der Tiger auf dem Pazifik umher, bis sie schließlich in Mexiko an Land geschwemmt werden. Dort flüchtet Richard Parker in den Dschungel, bevor Pi gefunden wird, so dass ihm seine Retter, und vor allem die Vertreter der japanischen Schiffgesellschaft, die ihn später zum Untergang des Schiffes befragen, die Geschichte mit dem Tiger nicht glauben. Daraufhin erzählt Pi ihnen eine alternative Version, eine ohne Tiere, in der neben ihm auch seine Mutter und zwei andere Mitglieder der Besatzung im Rettungsboot landen, sich dann aber gegenseitig grausam umbringen.

Obwohl es in der Geschichte mit den Tieren ebenfalls nicht an wirklichkeitsnahen und grausamen Elementen mangelt, ist sie humorvoller und inspirierender als die zweite Version, die realistischer scheint. Genauso sei es mit Gott und der Religion, lautet Pis knappe Erklärung an die Schiffsvertreter für die beiden Versionen. Doch Martels Roman ist viel zu amüsant und spannend, um ihn alleine darauf zu reduzieren, dass er zeigt, wie die menschliche Fantasie und die Geschichten, die sie hervorbringt, den Menschen helfen, mit der Realität und biologischen Tatsachen fertig zu werden.

Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger | Deutsch von Manfred Allie und Gabriele Kempf-Allie
Fischer Taschenbuch 2004 (15. Auflage) | 384 Seiten | amazon-info


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Julian Barnes: Arthur & George

Arthur & GeorgeDer Roman erzählt die Biografien des Farsi George Edalji und des späteren Sherlock-Holmes-Erfinder Sir Arthur Conan Doyle, ohne dass deren Lebenswege bis zum Erwachsenenalter die geringsten Berührungspunkte hätten.

In der ersten Hälfte des Buches liegt der Schwerpunkt auf dem Werdegang des indischstämmigen Pfarrersohns und seines Aufstieges zum Anwalt in Birmingham. George ist ein ruhiger und besonnener Mensch, doch oft wirkt er auch naiv und weltfremd. Er lebt immer noch unverheiratet bei seinen Eltern und verbringt seine Freizeit meist mit langen, einsamen Spaziergängen in der Natur. Nach einer Reihe bestialischer Morde und Verstümmelungen an Pferden und Kühen und verleumderischen Briefen, die in der ganzen Gemeinde Verwirrung stiften, wird er zum Hauptverdächtigen dieser Taten und zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Das Buch wird erst in der zweiten Hälfte Kriminalroman. Zuvor ist es in erster Linie ein Gesellschaftsroman, allerdings nicht weniger spannend. Arthur Conan Doyle, inzwischen durch seine Romane eine der berühmtesten Personen Englands, nimmt aus Empörung über den Prozess die Ermittlungen auf und wendet genau die Methoden an, die seine Figur Holmes zu dem überragenden Erfolg gemacht haben.

Der Fall des George Edalji beruht auf einer wahren Begebenheit, dem berühmtesten englischen Justizskandal. Der Anwalt indischer Abstammung wurde zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt und aus unbekannten Gründen begnadigt.

Der Verlauf der Ermittlungen ist völlig absurd, die Vorurteile verselbstständigen sich, und George muss sich gegen unhaltbare Anschuldigungen behaupten. Ohne Beweise wird er vor Gericht gestellt. Der Verlauf, wie aus Vorurteilen und Verdächtigungen ganz beiläufig Fakten werden, wird von Barnes brillant geschildert. Die Beschreibung der Polizeiarbeit in der damaligen Zeit ist aus heutiger Sicht teils amüsant, meistens aber nur empörend. Die Ermittlungen und die Motivsuche entsprechen eher denen der Hexenprozesse im Mittelalter. Die britische Gesellschaft mit ihren strikten Rassen- und Klasseneinteilungen wirkt aus heutiger Sicht schockierend.

Eine verlogene Gesellschaft, deren Geheimnisse zwar allgemein bekannt sind, aber toleriert werden, solange sie nicht laut ausgesprochen oder bekannt werden. Auch Conan Doyle selbst ist davon betroffen. Seine erste Frau, zu der er ein mehr freundschaftliches Verhältnis hatte, litt jahrelang an der Schwindsucht, und er musste seine wahre Liebe bis zum Tod der Ehefrau über ein Jahrzehnt lang geheim halten.

Das gehörte alles mit dazu. Zu der Lebensweise, die einem aufgezwungen wurde. Man unterdrückte ein Stöhnen, man log über seine Liebe, man betrog seine angetraute Ehefrau und alles im Namen der Ehre. Das war das verfluchte Paradox daran. Um sich gut zu verhalten, musste man sich schlecht verhalten.

Julian Barnes ist einer der renommiertesten britischen Autoren und hat unter dem Pseudonym Dan Kavanagh erfolgreiche Kriminalromane verfasst. Mit »Arthur & George« ist ihm ein faszinierender historischer Roman gelungen, über eine Epoche, die noch nicht so lange zurückliegt, von der man manche Details aber gerne vergessen würde.

Julian Barnes: Arthur & George | Hörbuch | Gelesen von Bernt Hahn
DAV 2009 | 6 CDs | amazon-info




The Python Years»Was wirklich passiert ist, ist egal. Was ich schreibe ist wirklich passiert. Und rate mal, was? Ich bin immer der Held«, schrieb Charles Bukowski einst.

Tagebücher sind so eine Sache. Besonders, wenn der Schreiber darauf spekuliert, sie eines Tages zu veröffentlichen. Es liegt nun mal in der Natur der Sache, dass die Sichtweise eines Tagebuchschreibers recht eingeschränkt ist. Gerade wenn er in der Welt der Showgeschäfts lebt, wie Michael Palin, ehemaliges Mitglied der Comedytruppe Monty Python.

Palin, dessen größte Stunde schlug, als er vor mittlerweile vier Jahrzehnten den legendären »Lumberjack-Song« schmetterte, drehte nach Monty Python noch viele mehr oder weniger gute Filme, schrieb amüsante Reisebücher und konnte sich, wie seine einstigen Kollegen, auch als Solist etablieren. Trotzdem wird er trotz all seiner Erfolge immer im Schatten seines größten Erfolgs stehen. Ein Schicksal, dass er mit den restlichen Pythons teilt.

Die Gruppe war schon damals ein Segen und ein Fluch, enthüllt er in seinen Tagebuchaufzeichnungen jener Jahre. Nach dem Ende der Fernsehserie »Monty Python’s Flying Circus« wollte eigentlich jeder seiner eigenen Wege gehen. Doch der immense Erfolg, der eine Eigendynamik entwickelte, die alle Erwartungen übertraf und sogar über den Ozean nach Amerika schwappte, brachte die Truppe immer wieder zusammen. Auch John Cleese, nach dem Erfolg seiner eigenen Serie »Fawlty Towers« ein gemachter Mann, konnte sich dem nicht entziehen.

Monty Python war einer jener seltenen Glücksfälle, in dem das Ganze größer war, als die Summe seiner Teile – was für sechs ausgeprägte Individualisten eine bittere Erkenntnis war. Es war fast eine Zwangsgemeinschaft, die erst mit dem Tod Graham Chapmans endete. Palin liefert einen interessanten Blick auf die Gruppendynamik der Pythons. Da war John Cleese, der von allen bewundert wurde; Terry Jones, sein Widersacher; Graham Chapman, schwul, genial und selbstzerstörerisch; Eric Idle, ganz ein Kind der 70er, Terry Gilliam, der immer etwas abseits stand und schließlich Palin selbst, der Bodenständige.

Natürlich kommen auch Freunde des Klatschs nicht zu kurz. Palins erster Flug mit der Concorde, ein Besuch bei den Rolling Stones, die Freundschaft mit George Harrison, eine Nacht im legendären Studio 54 – all das ist der Stoff, aus dem Memoiren sind. Oder mit dem man prima Tagebücher füllen kann. Insofern sind Palins Erinnerungen auch ein nostalgischer Blick zurück auf die 70er, in denen das Leben so viel einfacher erschien.

Hübsch ist zum Beispiel die Schilderung eines missglückten Sketchs, an dessen Ende Palin mit einer von Katzenscheiße besudelten Hose vor einem Millionenpublikum stand. Natürlich war der Auftritt ein voller Erfolg. Amüsiert und staunend betritt der einstmals unbekannte Gagschreiber die Welt der Reichen und Schönen, doch immer als distanzierter Beobachter, fast wie später in seinen Reiseberichten. Gerade das macht ihn zum idealen Chronisten.

1979, am Ende des Jahrzehnts, blickt Palin optimistisch in die Zukunft – die natürlich ganz anders ausfiel, als er gedacht hatte.

Michael Palin: Michael Palin Diaries 1969-1979: The Python Years | Englisch
Weidenfeld & Nicolson 2006 | 696 Seiten | amazon-info




Jeffrey Eugenides: Die Liebeshandlung

Die LiebeshandlungLange hat man auf den neuen Roman von Jeffrey Eugenides warten müssen, das Buch nach »Middlesex«. Nach dem episch angelegten Vorgänger nun eine nicht nur auf den ersten Blick simple Dreiecksbeziehung an einem College Anfang der Achtziger.

Es geht um die Liebesromane des viktorianischen Zeitalters, die von der Protagonistin Madeleine abgöttisch geliebt werden, und um die beiden Männer in ihrem Leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Mitchell plant Theologie zu studieren und reist nach seinem Abschluss durch Europa bis nach Indien, um Mutter Teresa zu unterstützen. Der geniale Leonard ist manisch-depressiv und wird nach einem Zusammenbruch von Madeleine gepflegt, die anschließend mit ihm zusammenzieht.

Die Inhaltsangabe erweist sich nach sieben Jahre Vorfreude als sehr ernüchternd und die ersten Reaktionen auf das Buch konnten eine gewisse Enttäuschung nicht verbergen. Auch ich muss zugeben, dass die Geschichte mich nicht im mindesten reizte, aber da ich, wie so viele andere, von »Middlesex« begeistert war, wollte ich zumindest einen Blick riskieren, und ich bin froh, dass meine Neugier gesiegt hat.

Ich war von der ersten Seite an gefesselt. Die Handlung dreht sich auf die ein oder andere Art immer um Bücher. In Seminaren, bei Diskussionen und während der Lektüre der Protagnoisten. Es werden Theorien gesponnen und die Liebe zur Literatur beschworen. Das klingt trocken und sachlich, ist aber im Gegenteil kurzweilig und sympathisch, ohne Längen und von einer sehr angenehmen Lesbarkeit.

Nach Saunders’ Ansicht hatte der Roman mit dem marriage plot seinen Höhepunkt erreicht und sich von dessen Verschwinden nie wieder erholt. In jenen Zeiten, als der Erfolg im Leben von der Heirat, die Heirat aber wiederum vom Geld abhing, stand den Romanciers ein Stoff zur Verfügung, über den sie schreiben konnten. Die großen Heldenlieder besangen den Krieg, der Roman besang die Ehe. Die Gleichberechtigung, gut für die Frau, war schlecht für den Roman. Und die Praxis der Scheidungen hatte ihm den Rest gegeben.

Eugenides tritt den Gegenbeweis an. Er zeigt, dass auch in heutigen Zeiten eine Liebe noch mit ausreichend Widrigkeiten zu kämpfen hat, um die Seiten eines Romanes unterhaltsam zu füllen. Feine, entspannte Unterhaltung auf hohem Niveau. Falls die Daseinsberechtigung des Romans tatsächlich belegt werden muss, dann legt »Die Liebeshandlung« ein starkes Zeugnis dar.

Nach »The Virgin Suicides« wurde inzwischen auch Eugenides’ grandiose Kurzgeschichte »Die Bratenspritze« unter dem Titel »Umständlich verliebt« mit Jennifer Aniston verfilmt.

Jeffrey Eugenides: Die Liebeshandlung | Deutsch von Uli Aumüller und Grete Osterwald
Rowohlt 2011 | 624 Seiten | amazon-info


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Anna Enquist: Letzte Reise

Letzte ReiseNatürlich, dachte sie, die Akademie, die Marine, das komplette königliche Haus, ein jeder muss sofort in Kenntnis gesetzt werden, damit sie fein trauern können, alle zusammen. Mein Mann ist schließlich öffentlicher Besitz und wird vom Königreich bezahlt. Wurde bezahlt. Vergangenheitsform.

James Cook, englischer »Entdecker« im 18. Jahrhundert. Er unternimmt drei Weltreisen auf denen er jahrelang neue Küsten für den Imperialismus ausspioniert, vermisst und geostrategische Karten für die zukünftigen Ausbeuter zeichnet. Auf seiner letzten Reise wird er auf Hawaii unter nicht geklärten Umständen von den »Eingeborenen« erschlagen, während seine Frau Elizabeth daheim in London auf die letztmalige Heimkehr des unsteten Gatten wartet. Und deren Geschichte erzählt Anna Enquist in ihrem wunderbaren Buch »Letzte Reise« so gekonnt, dass man am Ende nicht weiß, wo die fast 600 Seiten (Kleinformat) geblieben sind.

Denn die Geschichte von der einsamen Seemannsbraut ist alles andere als langweilig: Das Warten auf den dreizehn Jahre älteren Ehemann, die Kinder großziehen, das Haus hüten und für die Heimkehr vorbereiten, der andere Mann, der die Sehnsüchte nicht stillen darf. Das langsame aneinander Gewöhnen, wenn der berühmte Gemahl wieder im Hause ist. Die Heuchelei über die Zustände an Bord der Schiffe, zwanghafte Empfänge bei Hofe. Das Hochjubeln der Entdeckungen durch die Presse. Dann der Schmerz des Abschieds vor der nächsten Reise, das Loch, das der Abwesende immer wieder hinterlässt. Nur gelegentliche Briefe aus fernen Ländern, die monatelang unterwegs sind. Und als ständiger Begleiter der Tod.

Als Elizabeth von der Ermordung James erfährt, ist sie 38 Jahre alt und hat noch weit über 50 vor sich. Sie hat sechs Kinder geboren, von denen zwei bereits kurz nach der Geburt starben und eines im Kindesalter. Die kleine Elly wurde von einer Kutsche überfahren. Aber an den Tod kann man sich nicht gewöhnen. Die Nachricht vom Ableben ihres Ehemannes lässt sie zusammenbrechen. Kaum hat sie sich gefangen, kommt die nächste Hiobsbotschaft. Nach dem Tode ihres jüngsten Sohnes bricht sie endgültig zusammen. Sie ist wochenlang bettlägerig, spricht und isst nichts mehr, aber …

Dass sie innerhalb von drei Wochen nicht mehr als ein kleines Stückchen Fisch gegessen habe. Dass sie seit Monaten jeden Morgen und jeden Nachmittag eine Stunde lang weine und Schreie. Dass ihr nichts helfen könne. Es war ein Kampf gegen ihren Körper. Sie verlor. Ihre dreiundfünfzigjährigen Knochen, Muskeln und Organe feierten den Sieg, beschädigt, aber intakt. Elizabeth stand auf, zog sich an und ging nach draußen.

Elizabeths eigene »Letzte Reise« lässt auf sich warten. Vierundneunzig lange Jahre, von denen die letzten sehr einsam sind. Bevor ihr Körper sie endlich gehen lässt, verbrennt sie Briefe und Aufzeichnungen, denn: Man braucht nichts aufzubewahren. Das ist die Weisheit der Schafe am Hang.

Ein tolles, sehr schön geschriebenes Stück Literatur für Menschen, die eine flüssig erzählte Geschichte, einen guten Schreibstil und eine schlaue Dramaturgie zu schätzen wissen.

Anna Enquist: Letzte Reise | Deutsch von Hanni Ehlers
btb 2010 | 608 Seiten | amazon-info


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Jay Dobyns, Nils Johnson-Shelton: No Angel

No AngelWhether I agreed with him or not didn’t matter. We may have been dedicated to different things, but it was the dedication itself that mattered most.

Wenn sich ein Polizist als Undercover-Agent bei den Hells Angels einschleicht, fast zwei Jahre als einer von ihnen lebt und beinahe als vollwertiges Mitglied aufgenommen wird – und das Ganze dann auch noch überlebt, so dass er davon erzählen kann – ist das an sich schon eine extrem spannende, faszinierende und gruselige Geschichte. Bei seinem Versuch, das Vertrauen der Hells Angels zu gewinnen, um Beweise für ihre Kriminalität zu sammeln, gerät Jay Dobyns fast auf jeder Seite des Buchs in eine neue brenzlige Situation. Mal schwebt er in schlichter Lebensgefahr, weil seine Tarnung jeden Moment auffliegen könnte, manchmal aber auf andere Art am Abgrund: zum Beispiel, als er Gefahr läuft, auf Befehl der Hells Angels seine Undercover-Kollegin JJ, die sich als seine Freundin ausgibt, verprügeln zu müssen, weil sie das Essen zu spät bringt; oder als ihm ein Hells Angels anbietet, Sex mit dessen minderjähriger Tochter zu haben – und die Mutter, die daneben steht und mithört, angestrengt lächelt:

I was being offered the flesh of a minor – and that of her friend – by her own father. I didn’t know whether to laugh or simply assault the Hellands. In retrospect, I think they were offered to me because, while I was a biker and a debt collector and a gun runner and a supposed hit man, I had my act together, wasn’t a drug addict, and treated myself and others with some measure of respect. In the biker world I was a catch.
Sad.

Dobyns Geschichte ist aber nicht nur wegen der Spannung und der Exotik der Welt der Hells Angels faszinierend, sondern vor allem, weil seine Haltung zu den Hells Angels im Laufe der zwei Jahre immer ambivalenter wird. Schon früh stellt er fest, dass es sich toll anfühlt, einer von ihnen zu sein und Respekt und Macht zu genießen, wo immer man aufkreuzt. Dobyns identifiziert sich so sehr mit seiner Rolle und steht so sehr unter Strom, dass er nach einiger Zeit Schwierigkeiten hat, aus seinem Biker-Alter Ego zu schlüpfen und sein »altes Selbst« zu sein, wenn er seine Frau und seine beiden Kinder besucht. Die Hells Angels sind ihm sympathisch, er gewinnt sie lieb und hängt bald lieber mit ihnen herum als mit Freunden und Familie, denn viele ihrer Eigenschaften bewundert er – oder würde es zumindest in einem anderen Kontext tun:

Again, I was perversely touched. I knew Danza would probably be going back to jail because of me, and society would certainly benefit, but a small part of me wished he weren’t. I knew that if circumstances had been different – if we’d been in a foxhole together or had to parachute out of an airplane over enemy territory – Danza was a guy I’d want at my side.

Während Dobyns die guten Seiten der Hells Angels entdeckt und seine eigene dunkle, muss er sich immer öfter daran erinnern, auf welcher Seite er eigentlich steht und was Ziel, Sinn und Zweck seines Zusammenseins mit den Hells Angels ist. Dobyns geht es ein bisschen wie einem Westernheld, der gegen die Indianer kämpft und dabei plötzlich feststellt, dass er seine Gegner eigentlich bewundernswerter findet als die Regierung, in deren Auftrag er handelt. Von Zeit zu Zeit wird der Unterschied zwischen den vorgetäuschten Verbrechen der Undercover-Agenten und den echten der Hells Angels verschwindend gering. Unterstrichen wird die Ambivalenz auch dadurch, dass einer der Hells Angels, den die Trägheit und der Geschäftssinn der etablierten Älteren in der Motorrad-Gang ärgern, am Ende zur Polizei überläuft, weil er sie für die härteren Jungs hält.

Am Ende stellen sich die ganzen Risiken und der Aufwand tatsächlich als fast umsonst heraus: Die meisten Beweise sind nutzlos, die Hells Angels bleiben weitgehend straffrei – ein schwerer Schlag für Dobyns, für den lange Zeit Resultate das einzige sind, was im Leben zählt. Dobyns fühlt sich von seinem Arbeitgeber im Stich gelassen, der die Morddrohungen gegen ihn und seine Familie nicht ernst nehmen will. Wie schon so oft stellt sich auch hier die Frage, welche nun die gute und welche die schlechte Seite ist und ob sie sich wirklich so sehr unterscheiden. Die Welt der Undercover-Polizisten ist zum Beispiel, genau wie die der Hells Angels, eine Männerwelt, nur gibt die eine Seite es nur ungern zu, wie JJ erfahren muss:

Her superiors and more experienced co-workers had been warning her not to go with me, who had a reputation for wild impulsiveness, into the violent, misogynistic world of the Hells Angels. Her reply was that at least the Angels wore their sexism on their sleeves. JJ’s bosses didn’t much like that.

Was Dobyns an seiner Arbeit als Undercover-Polizist seit jeher fasziniert hat, ist die Gefahr, die Nähe zum Tod, die seinem Leben seine besondere Intensität verleiht. Er will wie ein Held leben und sterben, für welche Seite ist oft zweitrangig. Er fühlt sich bei den Hells Angels unter anderem auch deshalb wie zu Hause, denn bei ihnen ist ein Ausbruch tödlicher Gewalt nie weit weg. In Dobyns Beschreibung kommen die Hells Angels teilweise wie Kinder rüber, die einen Haufen komplizierte, oft lächerlich anmutende Regeln aufgestellt haben, damit sie spielen können – nur dass ihre Waffen echt sind. Er vermutet, dass die meisten sich den Hells Angels anschließen, weil sie als Verlierer der normalen Gesellschaft nirgendwo eine vergleichbare Anerkennung finden können. Treffend beschreibt er ihre inneren Widersprüche: individualistische Nonkonformisten, die alle gleich aussehen; Gesetzeslose, die sich einem denkbar strengen Code unterwerfen; ein Geheimbund, der zum Exhibitionismus neigt.

Humor im Angesicht des Todes und eine Menge Situationskomik machen die Lektüre von »No Angel« überraschend amüsant, zum Beispiel als Dobyns den Begriff »BYOG«-Party prägt (für »bring your own gun«), oder als die Hells Angels am Ende ausgerechnet aus Angst vor Kritik ihrer europäischen Brüder zögern, ihn als vollwertiges Mitglied aufzunehmen, wobei doch laut Dobyns Theorie Motorradgangs die einzige, original amerikanische Form von organisierter Kriminalität sind und die Amis normalerweise nie Wert darauf legen was Europa von ihnen denkt. (Deutschland ist laut Dobyns übrigens das einzige Land, das mehr Hells Angels Mitglieder hat als die USA.)

Und dann sind da noch die herrlichen Telefonnachrichten von Dobyns Frau Gwen (Are you alive? For most wives I know this is a rhetorical question, but in our case…), die zusammen mit Sohn Jack und Tochter Dale ihren Mann daran erinnert, dass der Unterschied zwischen gut und böse und falsch und richtig im Prinzip ganz einfach ist:

Jack’s fight was about him standing up for a mentally retarded girl with glasses. So in spite of the fact that his father is pretending to be a criminal, you must have done something right.

Jay Dobyns, Nils Johnson-Shelton: No Angel: My Harrowing Undercover Journey to the Inner Circle of the Hells Angels | Englisch
Crown 2009 | 352 Seiten | amazon-info


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Daniel Woodrell: Winters Knochen

Winters KnochenEr hatte keine Essenvorräte besorgt, kein Geld dagelassen, aber versprochen, sobald wie möglich mit einer Tüte Geld und einem Kofferraum voller schöner Sachen zurückzukommen. Jessup war ein verstohlener Mann mit gebrochener Miene, der gern mit flehenden Worten alles Mögliche versprach, nur um durch die Tür verschwinden zu können oder nach seiner Rückkehr um Verzeihung zu bitten.

Ree Dolly ist ein sechzehnjähriges Mädchen, das mit ihrer pflegebedürftigen Mutter und zwei kleinen Brüdern in einer heruntergekommenen Hütte im Hinterland von Missouri haust. Die Familie lebt jenseits des Existenzminimums und Ree hat allein die Verantwortung für die Familie. Eines Tages erfährt sie vom Deputy-Sheriff, dass ihr Vater erneut wegen eines Drogenvergehens angeklagt ist und das Haus, den einzigen Besitz der Dollys, für seine Kaution verpfändet hat. Ree hat keine Ahnung, wo ihr Vater steckt, aber wenn er nicht vor Gericht erscheint, dann wird ihre Familie ihr Zuhause verlieren und auf der Straße sitzen. Sie macht sich auf die Suche nach ihrem Vater und muss ihn innerhalb einer Woche finden – oder den Behörden seine Leiche präsentieren.

Manche von ihnen führten ein anständiges Leben, viele nicht, doch selbst die anständigen Dollys waren im Grunde ihres Herzens Dollys und im Ernstfall zur Stelle. Untereinander waren sie aufbrausend und grobschlächtig, doch ihren Feinden bereiteten sie die Hölle auf Erden, voller Verachtung für die Lebensweisen der Stadt klammerten sie sich an ihre eigenen Gesetze.

Wie brutal die Einhaltung dieser Gesetze durchgesetzt wird, muss Ree bald am eigenen Leib erfahren. Nicht nur, dass sie innerhalb des Verwandten- und Bekanntenkreises auf eine Mauer des Schweigens trifft, das Vergehen ihres Vaters muss so schwerwiegend sein, dass alle akzeptieren, was mit seiner Familie passiert.

»Winters Knochen« bietet einen depremierenden Blick in die Lebenswelt des White Trash, so völlig fern von allem, was man ansonsten in US-Serien zu sehen bekommt. Familien im amerikanischen Hinterland, die nur dank erlegter Tiere genug Essen haben. Statt Hustensaft gibt es Whiskey mit Honig für die kleinen Brüder. So lange, bis Ree feststellt, dass ihnen der »Sirup« viel zu gut schmeckt. Alle Konflikte werden mit den Fäusten oder Waffengewalt gelöst, Alkoholsucht ist weit verbreitet und die Haupteinnahmequelle ist die Produktion von Crystal Meth, einer sehr billigen und sehr gefährlichen Droge.

Trotz dieser bedrückenden Lebensumstände ist die sechzehnjährige Ree zwar desillusioniert, aber noch nicht völlig verbittert. Sie tut, was getan werden muss, ohne lange darüber nachzudenken, womit sie dieses Leben verdient hat, und ohne darüber zu klagen. Ihre Entschlossenheit ist bewundernswert und sie lässt sich von niemandem einschüchtern. Ree ist eine Figur, die stets ihre Würde behält, selbst wenn sie brutal verprügelt in ihrem Blut und Kot liegt.

»Winters Knochen« ist ebenso erschütternd wie spannend, die Sprache prägnant und eindringlich. Die Geschichte wird niemanden kalt lassen. Die hochgelobte Verfilmung gewann den großen Preis beim Sundance Film Festival und die Hauptdarstellerin wurde für einen Oscar und einen Golden Globe nominiert.

Daniel Woodrell: Winters Knochen | Deutsch von Peter Torberg
Liebeskind 2011 | 222 Seiten | amazon-info


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Daniel Woodrell: Winter’s Bone

Winter's BoneShe knew few details of the old bitter reckoning that erupted inside those once holy walls, but suddenly understood to her marrow how such angers between blood could come about and last forever. Like most fights that never finished it had to’ve started with a lie. A big man and a lie.

Ree Dolly, 16, wächst in einer rauen, ländlichen Gegend in Missouri auf, in der die Bewohner fast alle irgendwie blutsverwandt sind, lieber unter sich bleiben und feindlich auf Fremde reagieren. In bester amerikanischer und literarischer Tradition bringt die weitverzweigte Blutsverwandtschaft einen komplizierten Ehrenkodex mit widersprüchlichen Verpflichtungen, Tabus und Loyalitäten mit sich. Rees Vater ist im Drogengeschäft und glänzt vor allem durch Abwesenheit, während ihre Mutter sich vor den Enttäuschungen ihres Lebens in geistige Welten zurückgezogen hat, in denen sie für Ree genauso unerreichbar ist wie der Vater. Ree kümmert sich, so gut es geht, um ihre beiden jüngeren Brüder, sehnt sich jedoch danach, endlich einmal nur für sich selbst verantwortlich zu sein. Ihr Traum ist, zur Army zu gehen.

Doch zunächst hat sie alle Hände voll zu tun damit, genügend Essen zu beschaffen, ihren Brüdern das beizubringen, was sie zum Überleben wissen müssen, und sie davon abzuhalten, auf die schiefe Bahn zu geraten. Sie schafft es gerade so, als die Polizei ihr eines Tages ankündigt, dass ihre Familie das Haus verliert, wenn ihr Vater, der auf Bewährung aus dem Gefängnis ist, nicht zu seiner nächsten Gerichtsverhandlung erscheint – oder sie nicht beweisen kann, dass er tot ist. Ree macht sich umgehend auf die Suche nach ihm, unterstützt von ihrer besten Schulfreundin, die sich nach einer Nacht mit zu viel Alkohol plötzlich als zu junge verheiratete Mutter wiederfindet.

Ohne es zu wissen, begibt sich Ree durch ihre Suche auf gefährliches Terrain: Ihr Onkel, ein Ex-Geliebter ihrer Mutter, eine Ex-Geliebte ihres Vaters und diverse andere mehr oder weniger mit ihr Verwandte raten ihr, ihre Suche aufzugeben, nennen ihr aber keine Gründe, warum. Ree beschließt jedoch, dass ihr nichts anderes übrig bleibt und lässt sich nicht abhalten. Dafür bezahlt sie schließlich fast mit ihrem Leben, denn ebenso wie ihr keiner Gründe dafür nennt, warum sie lieber keine Nachforschungen nach ihrem Vater anstellen sollte, fragen ihrer Beinahe-Mörder auch nicht, warum sie ihn überhaupt sucht. Doch hartnäckig und zäh wie sie ist, verdient sie sich den Respekt ihrer verfeindeten Verwandten, die ihr letztlich in einer wunderbar gruselig-grotesken Aktion helfen, den Tod ihres Vaters zu beweisen.

»Winter’s Bone« überzeugt als Buch ebenso wie als Film. Woodrells neutrale, zurückhaltende Erzählerstimme steht in Kontrast zu der Krassheit der Welt, in der seine Figuren sich jenseits der üblichen gesellschaftlichen Normen bewegen, ein Kontrast, der einem diese Geschichte umso eindrücklicher nahe bringt. Darüber hinaus ist Ree eine höchst bemerkenswerte Protagonistin: Sie gehört zu den äußerst seltenen starken und zugleich sympathischen Frauenfiguren in Buch und Film.

Daniel Woodrell: Winter’s Bone | Englisch
Hodder & Stoughton 2007 | amazon-info


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