Werner Herzog: Eroberung des Nutzlosen

Eroberung des NutzlosenIn früheren Zeiten wäre Werner Herzog vielleicht der spanischen Inquisition beigetreten. Er hat etwas von der Aura eines Fanatikers an sich, der in seinem Eifer sämtliche Grenzen überschreitet. Fast all seine Filme basieren auf grandiosen Visionen, die jedoch letztendlich enttäuschen.

Nehmen wir zum Beispiel seinen bekanntesten Streifen »Fitzcarraldo« (1981): Ein Exzentriker, der im Urwald ein Opernhaus bauen will, lässt in Südamerika auf einer Expedition ein riesiges Schiff von Eingeborenen über einen Berg ziehen. Das Bild des Dampfers, wie er vor einer grandiosen Naturkulisse den Abhang hinaufgezogen wird, fasziniert. Die Menschen aber, die den Film bevölkern, bleiben uns seltsam fremd. Sympathieträger sucht man in Herzogs Filmen vergebens. Die chaotischen Dreharbeiten des Films und Herzogs dramatische Zusammenstöße mit Hauptdarsteller Klaus Kinski sind inzwischen Legende. 2004 hat der Filmemacher unter dem Titel »Eroberung des Nutzlosen« seine Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht.

Herzog verzichtet fast völlig auf den üblichen Filmklatsch, sondern erzählt von der unglaublichen Armut der Eingeborenen und dem beschwerlichen Leben im Urwald. Einmal ist er so abgebrannt, dass er zwei Flaschen Shampoo gegen einen Sack Reis tauscht, von dem er sich drei Wochen lang ernährt. Banales steht neben Tiefschürfenden. Gerade das macht den Reiz aus.

Zum Scheißen kam mir weit in den Wald hinein ein Schwein nach, schnuppernd und bis zur absoluten Schamlosigkeit auf meinen Schiss wartend. Selbst mit Holzprügeln, die ich nach ihm warf, ließ es sich nur ein paar symbolische Schritte weit vertreiben.

»Zu viel Information«, denkt man sich da. Jeder andere hätte diesen Film ganz gemütlich in einem Studio gedreht. Man fragt sich, was ein Regisseur wie John Huston mit diesen Stoff angefangen hätte. Bei Herzog jedoch ist der beschwerliche Weg gegen alle Wiederstände das eigentliche Ziel. Deshalb ist sein Buch über die Dreharbeiten weitaus packender, als der eigentliche Film. Die Geschichte eines besessenen Opernliebhabers, der das Schiff über den Berg transportiert, ist weniger faszinierend als die eines besessenen Regisseurs, der diese Fantasie in der Realität nachspielt. Doch ist die Kunst jedes Opfer wert?

Auch wenn er diesmal nicht im Mittelpunkt des Geschehens steht, findet natürlich auch Klaus Kinski Erwähnung. So schildert Herzog, wie er nachts im Hotel das Blut von den Wänden wischt, gegen die der cholerische Schauspieler seine zierliche Ehefrau geschmissen hat. Was ging wohl in ihm vor, während er dies tat? An manchen Stellen hat man das Gefühl die Ausführungen eines Kriegsberichtserstatters zu lesen. Am Ende bleibt Herzog selbst in seinen eigenen Tagebuchaufzeichnungen ein distanzierter Beobachter, dem Extremsituationen mehr interessieren, als Menschen.

Werner Herzog: Eroberung des Nutzlosen | Deutsch
Fischer Taschenbuch 2009 | 334 Seiten | amazon-info

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Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott

Der Brenner und der liebe GottAber dann hat er die Tabletten nicht genommen, weil nicht nur Arzt- sondern auch Tablettenmuffel. Und erst wie die Freundin dann endgültig weg war, und wie dann der Kühlschrank eines Tages vollkommen leer war, und auch die anderen Schubladen, also Dosen und so weiter, Nudeln, Reis, alles leer, also wie dann nur mehr die Tabletten da waren, da hat er die Tabletten gegessen. Und seither wie ausgewechselt! Mehr das Positive!

Wenn ein Autor seiner Serie überdrüssig ist, lässt er nicht selten seinen Helden sterben, um damit einen Schlussstrich zu setzen. So erging es wohl auch Wolf Haas. Aber interessant, denn er ließ im Vorgängerband »Das ewige Leben« nicht seine Hauptfigur Brenner sterben, sondern den namenlosen Erzähler, der die Geschehnisse recht eigenwillig aus dem Off kommentierte. Nun sind sie beide wieder da. Jetzt wie macht der das? Pass auf. Der Haas rechtfertigt alles lapidar durch den ersten Satz des Romans: Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen.

Der Brenner hat jetzt einen Job als Chauffeur für die zweijährige Tochter eines Baulöwen und einer Abtreibungsärztin. Bei einem vermeidbaren Zwischenhalt an einer Tankstelle verschwindet das Kind spurlos. Der Hauch von Story, der bei Filmen wie »Man on fire« oder »Transporter 2« als Ausgangslage für ein wildes Actionfeuerwerk diente, führt bei Haas zu einem eher gemächlichen Glimmen:

»Und das Auto war zugesperrt?«, hat der Peinhaupt seelenruhig gesagt und ihn blöd angeschaut, so wie man als Mann eine Frau anschaut, zu der man zum dritten Mal sagt: Und du bist dir ganz sicher, dass wir lieber zu mir als zu dir gehen sollen, obwohl sie schon zweimal gesagt hat, lass mich in Ruhe du Arsch.

Der Herr Simon war sich ehrlich gesagt nicht sicher, ob das Auto, bevor er es tausendmal auf- und zugesperrt hat, ganz am Anfang zu war. Aber Auto offen oder zu, das macht für einen Kriminellen ungefähr so einen Unterschied wie für eine Pistolenkugel die Frage, welchen Schutzfaktor die Sonnencreme hat, an der sie auf dem Weg in deine Stirn vorbeikommt.

Hauptverdächtige sind die Abtreibungsgegner, die vor der Klinik der Mutter demonstrieren. Doch deren Anführer Knoll beauftragt Brenner seinerseits mit der Suche nach einem zwölfjährigen Mädchen. Und schon bald stolpert er über die ersten Leichen.

Die Brenner-Romane von Wolf Haas sind ein eigenwilliges Erlebnis, garantiert nicht jedermanns Geschmack und auf ihre Art einzigartig. Die Handlung wird gnadenlos dem Stil untergeordnet, so auch im vorliegenden Band: »Der Brenner und der liebe Gott« strotzt vor hanebüchenen Wendungen und absurden Verwicklungen, wer einen klassischen Krimi erwartet, ist hier falsch. Das Geschehen widerspricht allen Gesetzen der Logik und wird häufig vom Zufall diktiert, doch es schert einen keine Sekunde, zu köstlich ist doch die Weltsicht des Erzählers und die stoische Geduld des Brenners.

Wenn Letzterer auf dem Boden einer Senkgrube den lieben Gott trifft, wird die Krimihandlung vollends zur Nebensächlichkeit. Trotzdem klagt der Erzähler persönlich, wenn er das Gefühl hat, dass der Brenner von den offiziellen Stellen zu wenig Anerkennung für seine Arbeit erhalten hat: Ich muss sagen, großartig, wie der Brenner die Suche nach dem Jugomädchen eingeleitet hat. Nach der Sunny. Da ist er zu einer detektivischen Hochform aufgelaufen, wo man nur sagen kann, Hut ab.

Drei Brenner-Romane wurden bereits erfolgreich mit dem herausragenden Josef Hader verfilmt: »Komm, süßer Tod«, »Silentium« und »Der Knochenmann«. An dieser Stelle sei auch die CD »Brenner live« gleich mit empfohlen.

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott | Deutsch
Hoffmann und Campe 2009 | 224 Seiten | amazon-info

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Michel Houellebecq: Elementarteilchen

ElementarteilchenDie körperliche Gewalt, die ausgeprägteste Erscheinungsform der Individualisierung, sollte in den westlichen Ländern die sinnliche Begierde ablösen. (Michel Houellebecq, »Elementarteilchen«)

In seinem kurz vor der Jahrtausendwende erschienenen Roman »Elementarteilchen« wollte Michel Houellebecq ein Porträt der westeuropäischen Gesellschaft zeichnen, wie sie damals war und in welche Richtung sie sich weiter entwickeln würde. Ausgehend von den einschneidenden Veränderungen der 60er und 70er Jahre, vor allem in Bezug auf den Umgang mit Sex und dem beginnenden Schönheitskult und Jugendwahn, beschreibt Houellebecq anhand von zwei exemplarischen Charakteren, wie die Menschen zunehmend unfähiger werden, selbstlos zu lieben oder einen Sinn in ihrer Existenz zu finden, und wie Nächstenliebe und Mitgefühl allmählich einem brutalen Egoismus Platz machen.

Von ihrer lieblosen Hippie-Mutter im Stich gelassen wachsen die Halbbrüder Brüder Bruno und Michel getrennt voneinander auf. Brunos Kindheit ist vor allem davon geprägt, dass er von seinen Mitschülern im Internat misshandelt wird. Als Erwachsener besteht sein einziger Lebensinhalt in der Suche nach aufregendem Sex und Sex mit jungen Frauen. Michel wird von seiner Großmutter liebevoll behandelt, schafft es jedoch nie, mit anderen Menschen Beziehungen einzugehen. Er lebt praktisch in sozialer Isolation und gibt sich ganz der wissenschaftlichen Forschung hin. Am Ende sind seine Erkenntnisse wegbereitend dafür, dass es den Menschen gelingt, eine Art »Brave New World« zu schaffen, in der die Fortpflanzung ohne Sex stattfindet und mit dem Sex auch Brutalität und Egoismus aus der Gesellschaft verschwinden.

Die Romanhandlung wird immer wieder von kurzen wissenschaftlichen Betrachtungen aus der Biologie, Geschichte und Philosophie unterbrochen und kommentiert. Nicht nur daran wird deutlich, dass es Houellebecq vor allem um seine These zur gesellschaftlichen Entwicklung geht; auch seine Charaktere dienen lediglich dazu, seine Theorien zu veranschaulichen. Man hat nicht den Eindruck, dass dem Autor irgendetwas an ihnen liegt oder er sich sonderlich für sie interessiert, was beim Lesen einen ähnlichen Eindruck der völligen Lieblosigkeit erweckt, die auch Houellebecqs Zukunftsszenario kennzeichnet.

Das Buch lässt einen trotz schockierender Elemente kalt. Da hilft es wenig, dass ab und zu angedeutet wird, dass es doch Ausnahmen gibt, also Menschen, die zu selbstloser Liebe fähig sind, vor allem Frauen – und hier fragt man sich angesichts Houellebecqs Überzeugung von dem Bösen im Menschen, ob es ernst gemeint ist, dass Frauen in einer Welt ohne Männer eine gewaltfreie, liebevolle, fast paradiesische Gesellschaftsordnung geschaffen hätten. Vielleicht wirken die Geschichte und ihre Charaktere auch so wenig überzeugend, weil sich Houellebecqs Prophezeiungen (zum Glück) nicht wirklich erfüllt haben.

Michel Houellebecq: Elementarteilchen | Deutsch von Uli Wittmann
Rowohlt Taschenbuch 2006 (5. Auflage) | 384 Seiten | amazon-info

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Ich werde hier sein ...Es reihte sich Sieg an Sieg für die Schweizer Truppen. Im Süden und in Mozambique standen sie im Grabenkrieg den Buren gegenüber, im Norden reichte ihr Einfluss bis an die Grenze zum äthiopischen Kaiserreich. Und dort, wo kein Krieg herrschte, bauten sie Schulen, Universitäten und Krankenhäuser. Strassen wurden Tausende von Werst durch Ostafrika gezogen und Eisenbahnstrecken verlegt, es kamen Arbeiter und Ingenieure, Wissenschaftler und Soldaten, immer mehr Soldaten. Ihr Kommen war wie eine Plage für einige, wie ein Segen für andere.

Die Schweiz hat durch ein Söldnerheer expandiert, eroberte und besiedelte Ostafrika. Alle modernen Errungenschaften wurden dort eingeführt und man gründete Militärakademien, um den Nachwuchs für den Krieg gegen Deutschland und England auszubilden. Der Ich-Erzähler war einer dieser afrikanischen Soldaten, inzwischen ist er Parteikommissär der Stadt Neu-Bern in der Schweizerischen Sowjetrepublik SSR und jagt den abtrünnigen Oberst Bazhinsky bis zu der tief in den Alpen gelegene Bergfestung Réduits.

»Wir halten hier die Stellung, ein paar Mwanas und ich. Wenn sie nicht betrunken sind, machen sie sich aus Angst vor den Deutschen in die Hose. Und du, du hast dich auch angepisst?« Er wies mit der Rasierklinge auf das gefrorene Urin vorne an meinen Hosenbeinen.

»Ja. Ich hatte Angst, auf einer Mine zu sterben.«

»Ich habe keine Angst mehr. Ich habe verlernt zu lesen, wie ich es früher konnte. Der Krieg macht uns zu Geisteskrüppeln. Weißt du, dass ich niemals den Frieden erlebt habe, nicht einmal als Säugling? Sechsundsiebzig Jahre diesen Sommer. Es kommt nichts mehr nach uns. Oder aber es geht immer so weiter.«

»Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« ist eine Alternativweltgeschichte, in der deutsche Selbstmordattentäter mit Gasgranaten herumrennen, Lenin in der Schweiz an Leukämie starb, nachdem ihm die Revolution gelungen war, die Schriftsprache ebenso verpönt ist wie die Religion und alle Bibeln verbrannt wurden. Jeder durchschnittliche SF-Autor hätte daraus einen siebenbändigen Zyklus gezimmert. Kracht dagegen schreibt in einem knappem Stil, ohne große Ausschmückungen, aber umso treffender in der Wortwahl. Seine Sätze sind so präzise auf dem Punkt, dass sie kein überflüssiges Wort benötigen. Es ist immer wieder faszinierend, wie das Buch die Fantasie des Lesers fordert, indem es ihm nur die Eckpunkte vorgibt. Vieles muss man zwischen den Zeilen lesen und einiges wird schlicht der Fantasie überlassen. Gerade weil man nicht jeden Schauplatz bis ins letzte Detail beschrieben bekommt und der geschichtliche Überbau nur sehr sporadisch skizziert wird, wirkt alles noch viel intensiver.

Herausgekommen ist bei Kracht eine reinrassige Abenteuergeschichte von Verfolgung, Mord und Untergang. Mitreißend und absolut fesselnd. So erinnert der Roman sehr an Cormac McCarthys »Die Straße«. Sowohl in seinem knappen, harten Stil als auch in der desillusionierenden Schilderung einer verlorenen Zukunft.

Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten | Deutsch
Kiepenheuer & Witsch 2008 | 192 Seiten | amazon-info

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Haruki Murakami: Kafka am Strand

Kafka am StrandKafka Tamura ist der Protagonist, dessen wirklicher Name uns aber verborgen bleibt – ein Junge, der sich an seinem 15. Geburtstag dazu entschließt, sein Zuhause zu verlassen und sich einfach auf den Weg zu machen, auf seine persönliche Odyssee.

Die Parallelität des Romans zur griechischen Tragödie liegt nahe, gibt ihm doch sein eigener Vater einen Fluch mit auf den Weg: Der Junge werde eines Tages seinen eigenen Vater töten und mit seiner verschollenen Mutter schlafen. Tatsächlich kommt der Vater zu Tode, Kafka hat damit aber nichts zu tun. Und er begegnet auf seiner Reise Frauen, die möglicherweise seine Mutter und Schwester sein könnten. Der ödipale Fluch wird allerdings in einer Szene kindlicher Vereinigung in Unschuld aufgelöst.

Der zweite Protagonist des Romas ist ein heiliger Narr namens Nakata. Er ist Analphabet, sein Leben änderte sich drastisch in einer mysteriösen Szene während des Zweiten Weltkriegs. Dieser Mensch vermag es, die Sprache der Katzen zu sprechen und nach Bedarf kleine Fische oder Blutegel regnen zu lassen. Er folgt einer Art innerem Auftrag und wandelt, ohne es zu wissen, auf den Spuren Kafka Tamuras. Die Geschichten dieser beiden Outlaws bewegen sich aufeinander zu. Der einsame, wortkarge und Liebe suchende Tamura und der »Idiot Savant« des Romans steuern eine mystische Bibliothek an.

An dieser Stelle endet dieser Bericht über den Inhalt des Buches. Genauso wie Murakami ein Schriftsteller mit einer Neigung zum offenen Ende ist, ist diese Rezension offen, was den Fortgang der Geschichte angeht. Dem interessierten Leser sei gesagt: Es geschieht noch so einiges.

Haruki Murakami erzählt seine Geschichte voller surrealer Bilder auf über 600 Seiten, vielfach erscheint es nicht möglich, Traum und Realität zu unterscheiden. Er erzählt auf eine so gar nicht aufgeladene Art und Weise, dass man ihm bereitwillig jede Absurdität glauben möchte. Murakami ist ein besonderer Poet, er komponiert Betrachtungen des Alltäglichen auf eine Art und Weise, die den Betrachter fesselt und ihm die Schönheit des Banalen vorführt. Man findet einiges in seinem Roman, was an Kafka erinnert, mehr als nur den Vornamen des Protagonisten.

Murakami schreibt, als wüsste er genauso wenig wie der Leser, was auf der nächsten Seite kommt. Den Bedeutungsgehalt seiner Werke liefert er selber nicht, Realismus ist ihm gleich. Und auch wenn sich sicherlich viel Papier beschreiben lässt, auf dem sein Buch analysiert wird, der Bezug zu Kafka und auch anderen Denkern der westlichen Welt interpretiert wird – dem Leser sei ans Herz gelegt: Deuten soll man dieses Buch besser nicht. Das zerstört den Genuss.

Haruki Murakami: Kafka am Strand | Deutsch von Ursula Gräfe
btb 2006 | 640 Seiten | amazon-info

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Scarlett Thomas: PopCo

PopCoDie Cäsar-Verschiebung ist die simpelste aller Verschiebechiffren und beruht auf zwei identischen Alphabeten, von denen eines schlicht in die eine oder andere Richtung verschoben wird. (…) Bei einem System mit einer Verschiebung von -1 wüsste man rasch, dass ein C im chiffrierten Text eigentlich ein D ist und immer so weiter. Nach Ansicht der Science-Fiction-Fans ist das berühmteste zeitgenössische Beispiel einer solchen Verschiebung der Name des Computers HAL aus 2001: Odyssee im Weltraum: Man setzt eine Verschiebung von -1 voraus, liest sich HAL nämlich als IBM.

Alice ist eine leicht exzentrische Entwicklerin bei einem riesigen und geheimnisvollen Spielzeugkonzern. Zuvor hatte sie die Kreuzworträtsel für eine große Sonntagszeitung entwickelt, jetzt entwirft sie Geheimagenten-Spielzeug für Kinder, ähnlich den Gimmicks aus den Yps-Heften, nur qualitativ hochwertiger. Zusammen mit einigen Kollegen nimmt sie an einem Workshop in einer abgelegenen Gegend teil. Ihr Kumpel Dan und sie wollen das Treffen möglichst schnell hinter sich bringen, doch der Aufenthalt zieht sich in die Länge. Ihre Aufgabe ist es, eine Zielgruppe zu erreichen, die bisher weder mit Computerspielen, Sammelkarten oder anderen PopCo-Produkten zu ködern war: weibliche Teenager. Gerade weil sie statistisch gesehen über mehr Geld verfügen als ihre männlichen Altersgenossen – ein unhaltbarer Zustand.

Alice wird ein geheimnisvoller Code zugespielt, den sie anfangs für einen Streich ihrer Kollegen hält, dann für eine Nachricht ihres verschwunden Vaters. Der war ein berühmter Kryptologe und verschwand, als Alice neun Jahre alt war. Sie lebte danach bei ihren Großeltern, einer angesehenen Mathematikerin und einem genialen Querdenker, der kniffelige Rätselaufgaben entwickelt und seit 35 Jahren an einem bahnbrechenden Buch schreibt. Seit ihrer Kindheit versucht sie den Code auf einem Medaillon zu entschlüsseln, das ihr Vater ihr hinterlassen hat und hinter dem sie den Grund für sein Verschwinden vermutet.

Das ganze Buch dreht sich um Spiele und Rätsel, alles wird in die Handlung verwoben. Spielkonzepte und Hintergrundgeschichten werden entwickelt und diskutiert, man erhält einen Crashkurs über gängige Verschlüsselungsmethoden, kann sich an ein paar Knobelaufgaben die Zähne ausbeißen, bevor im nächsten Kapitel die Lösung verraten wird, und erfährt die historischen Ereignisse, die hinter einen verlorenen Schatz stecken. Darüber hinaus darf sich der Leser über die gruppendynamischen Übungen amüsieren, mit denen man versucht das Kennenlernen der Workshop-Teilnehmer zu fördern und ihr Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Doch das ist gar nichts, verglichen mit den Kapriolen, die das Management schlägt, um die Kreativität seiner Mitarbeiter anzuregen.

In einer Rezension wurde PopCo als »Thomas Pynchon für Mädchen« bezeichnet, das ist nicht völlig von der Hand zu weisen, in Inhalt und Stil ist der Roman allerdings dichter an den letzten Büchern von William Gibson. Sehr unterhaltsam, sehr informativ, aber wenig spannend. Die Geschichte, die der Klappentext verspricht, kommt nur sehr langsam in Gang und hat leider einige unnötige Längen, was vor allem an den oben aufgezählten Einschüben und Abschweifungen liegt. Was dagegen gefällt, sind der charmante Plauderton der Erzählerin und die interessanten Einblicke in moderne Gesellschaftstrends, Marketingstrategien und Unternehmensphilosophien.

Scarlett Thomas: PopCo | Deutsch von Tanja Handels
Rowohlt 2010 | 702 Seiten | amazon-info



Volker Remy: Der Imperator im Damensattel

Der Imperator im Damensattel»Die Milliarde« hat etwas sehr Beruhigendes, etwas Sanftes sogar. Sie unterstreicht, dass es hinter den Millionen weitergeht (…) Danke, Milliarde! Du bist jetzt meine beste Freundin.

Genauso irritierend wie Titel und Cover des Buches von Volker Remy ist sein Anfang. Fasziniert vom Klappentext, der besagt, dass die Lösung manchmal gar nicht zum Problem passt und genau das die Lösung ist, konstatierte ich nach dem Lesen der ersten Zeilen fälschlicherweise, dass es sich beim »Imperator im Damensattel« einfach nur um originelle, aber zusammenhangslose Texte und Geschichten handelt.

Die Milliarde als Geliebte, der Unterschied zwischen Ratschlägen und Beratung sowie die kunsthistorische Analyse eines Badetuches aus dem vorigen Jahrhundert, damit fängt es an. Erst ab Seite 30 erschließt sich dem Leser allmählich, worum es Volker Remy geht: um Kreativität, ums kreativ sein, um Brainstormings, die den Namen Brainstorming verdienen, um das Verlassen von eingefahrenen Strukturen in der Werbebranche und internen Unternehmenskommunikation, um ein neues, frisches Denken im kreativen Miteinander.

Unser Hirn bleibt eine faule Schlampe, wenn ihm Sinniges präsentiert wird, schreibt Volker Remy. Er meint damit, dass unser Kopf beim Aufspüren von neuen Lösungen gerne den Weg des geringsten Widerstands wählt, zu schnell auf Bewährtes und Naheliegendes zurückgreift. Und auf unsere bisherigen Erfahrungen. Doch Erfahrungen sind tote Gedanken, so Remy, nützlich zwar, doch bei der Erarbeitung einer Kreativstrategie höchst entbehrlich.

»Wenn du denkst, dass du denkst, dann denkst du nur, du denkst«, mit dieser Schlagerzeile trällerte sich Juliane Werding einst wortakrobatisch durch die ZDF-Hitparade. Als Antwort darauf lädt »Der Imperator im Damensattel« den Leser in witzigen Formulierungen ein, bei der Entwicklung und Ausarbeitung von Ideen so zu denken, wie man normalerweise nicht denkt und empfiehlt als eine wirkungsvolle Methode die sogenannte Kamikaze-Lyrik: das schnelle Zusammenfügen von ersten Assoziationen zu einem Gedicht, welches sich nicht zwingend reimen muss.

Es gibt sicher noch andere Wege, vielleicht noch viel bessere. Wer jedoch hofft, diese alle in einem Handbuch nachlesen zu können, ist in punkto Kreativität wohl ein hoffnungsloser Fall. Mit diesem Verständnis von Kreativität sollte man schließlich auch Remys Buch lesen. Es ist keine Anleitung für kreatives Denken, sondern liefert lediglich auf eine wilde, ungezwungene und verspielte Art und Weise interessante Anregungen zu diesem Thema, wobei die amüsanten Illustrationen von Rolf Bremer Remys Erläuterungen höchst unterhaltsam ergänzen.

Schade nur, dass man den plakativen Inhalt des Buches in ein viel zu kleines Format gepresst hat und der inspierende Spaß schon nach 112 Seiten beendet wird – mit einem herrlichen Zitat des österreichischen Schriftstellers Karl Kraus: »Es gibt Dinge, die sind so falsch, dass noch nicht einmal das absolute Gegenteil richtig ist.«

Volker Remy: Der Imperator im Damensattel – Dein täglicher Triumph | Deutsch
Graco Verlag 2009 | 112 Seiten | amazon-info

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Thor Kunkel: Kuhls Kosmos

Kuhls KosmosDie erste Zeit nach seinem Rausschmiss aus der Berufsschule fühlte sich Kuhl wie ein glücklich entlaufener Sklave. Die Freiheit kam ihm fast unheimlich vor. Er stand um die Mittagszeit auf, frühstückte am Bahnhofs-Stehimbiss in Gegenwart junger, übernächtigter Nutten und schlenderte dann von Kino zu Kino, gelegentlich auch wieder zurück. Manche Filme musste man zweimal sehen, um zu begreifen, wie low das Leben einem mitspielen konnte, »Li Feng – Die einarmige Schwertkämpferin« zum Beispiel. Es wurmte ihn, dass es Frauen wie Ching Ching Chang nicht in Wirklichkeit gab.

Der Roman beginnt mit einer Beerdigung und erzählt die Geschichte in Rückblenden, die hauptsächlich in den Jahren 1979 und 1980 spielt. Anton »Kuhl« Kuhlmann ist im Frankfurter Gallusviertel aufgewachsen. Drogendealer, Waffenhändler, Einbrecher und schließlich Raubmörder. Eine beeindruckende kriminelle Karriere für einen gerade mal Neunzehnjährigen. Mit grimmigem Humor wird hier der Ausbruch aus der Kleinbürgerlichkeit geschildert. Kuhl flieht vor der Polizei nach Nassau, legt sich ein teures Auto und eine Luxusvilla zu und residiert in teuren Golfclubs. Auf den Bahamas auf dicke Hose machen, dieser Wunschtraum wirkt schon fast wieder spießig. Und natürlich ist das Geld schnell aufgebraucht.

»Kuhls Kosmos« ist eine typische Verlierergeschichte mit absehbarem Ausgang und doch ohne die bekannten Klischees. Spannende und amüsante Episoden schildern Kuhls Werdegang. Wilde Schelmenstücke mit Rentnern, mörderische Nachtwächter, scheinbar schlaue Coups und Waffengeschäfte mit amerikanischen GI. Amüsante Diskussionen auf dem Arbeitsamt, die eines Felix Krull würdig wären, und Filmpläne mit einem alten Pornoproduzenten, der einer Vorliebe für sehr junge Mädchen mit leuchtenden Hautunreinheiten fröhnt.

Die Belegschaft aus Thor Kunkels hochgelobten Erstling »Das Schwarzlicht-Terrarium« tritt hier wieder auf. Liebgewonnene Loser aus fast vergessener Zeit, als Disco, Schlaghosen und John Travolta noch das Nonplusultra waren. Aber der Ton ist härter und bitterer geworden. Keine aufgesetzte Coolness, sondern berührend brutal. Die Sprüche wirken allerdings manchmal etwas albern, wie wenn man heute Udo Lindenberg zuhört, doch geben sie einen guten Eindruck von Hippness anno 1979.

Nach dem Skandal wegen Kunkels Roman »Endstufe« war es lange still um den Autor. Jetzt ist er mit einem neuen Buch zurückgekehrt, das bei Pulp Master erschienen ist. Der Name des Verlages ist Programm. Aber hier wird nicht einfach ein amerikanisches Genre in deutsche Kulissen verlegt, sondern eine überzeugende Geschichte erzählt, die gleichzeitig ein deutsches Gesellschaftsbild vom Ende der Siebziger ist. Es müssen eben nicht immer die Amerikaner sein, wenn man einen echten Hardboiled-Krimi lesen will. Eine lohnende Lektüre, der man unbedingt Kunkels »Schwarzlicht-Terrarium« folgen lassen sollte.

Thor Kunkel: Kuhls Kosmos | Deutsch
Pulp Master 2008 | 333 Seiten | amazon-info

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Anthony McCarten: Superhero

Superhero»Ich mach den Abgang bevor es richtig losgeht.« (…) »Und wissen Sie, was das Schlimmste ist?!« (…) »Ich sterbe als beknackte Jungfrau. Scheißspiel.«

Initialen wie die berühmteste Ente der Welt, Hiphopper, künstlerische Ader, 14 Jahre alt – Krebs (die Krankheit, nicht das Sternzeichen). Willkommen in der Welt von Donald Delpe. Das Leben wäre in diesem Alter schon schwierig genug, die Pubertät macht schließlich jedem Jugendlichen zu schaffen, das kaum in Worte zu fassende Verlangen nach Leben, die Sehnsucht und gleichzeitige Angst hinsichtlich des »ersten Males«. Warum nur muss er dann noch dieses zusätzliche Kreuz tragen, diesen Feind in seinem Körper, der ihn wie einen geprügelten Boxer in die Seile schickt, schwer angeknockt nach zwölf mörderischen Runden.

Da wäre Unterstützung dringend vonnöten. Von seinem Bruder Jeff ist diese jedoch nicht wirklich zu erwarten, ein Poser und Schwätzer wie aus dem Bilderbuch. Selbst in Liebesdingen kann er Donald nicht wirklich weiterhelfen. Seine Eltern – liebevoll und besorgt, so wie es sich gehört, sind sie doch gleichzeitig gefangen in ihrer Unsicherheit, ihren Ängsten, wie dieser Krankheit beizukommen sei.

Aber Donald ist ein Kämpfer. Wenn die Welt keine Retter anbietet, muss halt einer erfunden werden. In Donalds Fall ist es MIRACLEMAN, ein Superheld, dessen unglaubliche Abenteuer im Kampf gegen den bösen Superschurken GUMMIFINGER Donald wann immer es seine Kraft zulässt, in seine Kladde zeichnet und so eine phantastische knallbunte Gegenwelt kreiert, die dem oft schmerzhaften Alltag diametral entgegensteht.

Aber noch wichtiger sind die realen Helden, die Donald Mut machen, den Kampf gegen seine Krankheit anzunehmen, wie zum Beispiel Adrian, der sympathische Psychologe, der mit seinem eigenen Liebesleben eigentlich schon genug zu tun hätte und durch seine Fürsorge für Donald seine Stellung aufs Spiel setzt. Oder die süße Shelly, die ihn an Orte bringt, von denen er nur zu träumen gewagt hatte. Tja … und dann ist da noch eine gewisse Tanya … aber das ist dann eine ganz spezielle Begegnung … Und so stellt sich Donald der Herausforderung und nimmt den Kampf an.

Der Roman liest sich wie eine surreale Mischung aus Buch, Film und Comic. Die Szenen werden wie in einem Drehbuch benannt (Innen. Adrians Wohnung. Tag.), die Schriftart wechselt zwischen normaler Schriftgröße und Comicfonts. Hin und wieder springt der Autor zwischen Donalds Leben und dem Storyboard seines Comics hin und her, so dass beim Lesen die beiden Ebenen sich miteinander vermischen. Wer ist der eigentliche Superheld?

Mit Donald Delpe hat Anthony McCarten einen denkwürdigen Charakter erschaffen: einen Jungen, der – auf seine ganz eigene Weise – seinem schweren Schicksal trotzt und all denen da draußen, die Ähnliches erdulden müssen, ein Gesicht gibt – selbstbewusst und unbeugsam. Und Donald ist es auch, der uns an den intensivsten Stellen des Buches klar macht, was wir alle brauchen: Freunde. Und Liebe.

Anthony McCarten: Superhero | Deutsch von Manfred Aillié und Gabriele Kempf-Aillié
Diogenes 2008 | 302 Seiten | amazon-info

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Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro

Der Tod des Bunny Munro»Ich bin verdammt«, denkt Bunny Munro in jenem plötzlichen klaren Moment, der denen vorbehalten ist, die bald sterben werden. Er merkt, dass er irgendwann irgendwo einen schlimmen Fehler gemacht haben muss, aber diese Erkenntnis verklingt so schnell, wie sie gekommen ist. Jetzt steht er da, in einem Zimmer des Grenville Hotels und in Unterhose, allein mit sich und seinen Trieben.

Bunny Munro umgarnt einsame Hausfrauen mit Komplimenten und Kosmetikproben. Als Handelsvertreter ist er immer unterwegs und hat Frau und Sohn jahrelang vernachlässigt. Die Frau des notorischen Schürzenjägers erliegt ihren Depressionen und nimmt sich das Leben. Bunny hat plötzlich ein Kind am Hals, mit dem er nichts anfangen kann und das ihm bei seinen amourösen Abenteuern im Weg ist. Deshalb muss der neunjährige Bunny Junior meist im Auto oder im Hotelzimmer warten. Zum Zeitvertreib liest er sich durch eine Enzyklopädie und gibt sein Wissen in passenden wie unpassenden Momenten preis.

Bunny Munro ist kein sympathischer Mensch, sondern ein triebgesteuerter Egoist. Er sieht auf eine schmierige Art gut aus und kommt bei einem bestimmten Typ Frau gut an. Seine beste Zeit ist aber vorbei, bald wird er weniger Sex haben und nicht mehr wählerisch sein können, obwohl man ihm letzteres schon jetzt nicht vorwerfen kann. Er sinniert in einsamen Stunden viel über die anatomische Beschaffenheit von Kylie Minogue und Avril Lavigne (bei denen sich der Autor in den Danksagungen dafür entschuldigt). Bunny gehört zu einer aussterbenden Rasse. Es fällt schwer, dies als Verlust zu empfinden.

Irgendwann erlahmt das Leserinteresse an der Dauergeilheit des Protagonisten. Aber gerade deshalb funktioniert der Roman so gut. Eine Hauptfigur, bei der man ständig zwischen Mitleid und Verachtung schwankt, unterwegs in einem düsteren England aus Sozialbauten, Trinkern, einsamen Hausfrauen, verkrachten Existenzen und Jugendlichen ohne Zukunft. Die Sprache ist derb, ebenso das Verhalten der Personen. Manche Episoden unglaublich komisch, andere bedrückend oder schlicht deprimierend und bei den meisten möchte man einfach wegsehen bzw. weghören. Man fragt sich während der Lektüre des öfteren, warum soll ich mir eine so trostlose Geschichte antun? Die Antwort ist erschreckend simpel: Weil man nicht aufhören kann.

Der Musiker Nick Cave hat nach »Die Eselin sah den Engel« (1989) nun seinen zweiten Roman vorgelegt. Gelesen wird das Hörbuch von Blixa Bargeld, einem früheren Mitglied der »Einstürzenden Neubauten« und Gitarrist von Caves Band »The Bad Seeds«. Eine gute Wahl.

Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro | Hörbuch | Gelesen von Blixa Bargeld
Der Hörverlag 2009 | 6 CDs | amazon-info

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