Diana Gabaldon: Outlander

Vorgestellt von Sabine Anders in Originale am 21. Mai 2013

OutlanderI think it’s as though everyone has a small place inside themselves, maybe, a private bit that they keep to themselves. It’s like a little fortress, where the most private part of you lives – maybe it’s your soul, maybe just that bit that makes you yourself and not anyone else … You don’t show that bit of yourself to anyone, usually, unless sometimes to someone that you love greatly … Now it’s like … like my own fortress has been blown up with gunpowder – there’s nothing left of it but ashes and a smoking rooftree, and the little naked thing that lived there once is out in the open, squeaking and whimpering in fear, tryin’ to hide itself under a blade of grass or a bit o’ leaf, but … but not makin’ m-much of a job of it.

Die Engländerin Claire Randall, Ende 20, befindet sich kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit ihrem Ehemann Frank für einen Sommerkurzurlaub in den schottischen Highlands. Während des Krieges war sie als Krankenschwester tätig, Frank hat sie kaum gesehen – und sie bleibt ihm auch trotz Kriegsende nicht lange erhalten. Während Frank Ahnenforschung betreibt, wird Claire nämlich beim Pflanzensuchen durch einen Steinkreis, eine Art Miniatur-Stonehenge, rund 200 Jahre zurück, mitten ins 18. Jahrhundert transportiert.

Zuerst merkt sie es gar nicht richtig. Sie landet am selben Ort, dem Steinkreis, um sie herum bekämpfen sich Engländer und Schotten in historischen Gewändern und mit historischen Waffen und Claire denkt, sie wäre in einem Kostümfilm gelandet, was für einige Situationskomik sorgt. Dank ihrer Kenntnisse in Medizin und Pflanzenheilkunde findet sie trotz ihrer englischen Nationalität Anschluss an einen schottischen Clan und verliebt sich schon bald in James Fraser, der jedoch von den Engländern gejagt wird. Als sein Todfeind entpuppt sich ein Vorfahre von Claires Ehemann Frank, Captain Randall.

»Outlander« ist unterhaltsam zu lesen, vor allem zu Anfang von Claires Zeitreise. Dank des humorvollen Schreibstils ahnt der Leser, dass ihr nichts wirklich Schlimmes zustoßen wird, während die Autorin ihre Protagonistin in zahlreiche gefährliche Situationen bringt und versucht, ihr Entkommen möglichst knapp werden zu lassen: Claires Erlebnisse werden dabei leider zunehmend unglaubwürdiger – am wenigsten plausibel ist wahrscheinlich die Schilderung, wie sie einen Wolf mit bloßen Händen tötet; eher weit hergeholt auch der Hexenprozess, bei dem sie sich plötzlich auf der Anklagebank wiederfindet. Eine Erkenntnis, die sie gewinnt, ist, dass der Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Brutalität manchmal verschwindend gering ist. Eher unbefriedigend dagegen bleibt Claires Auseinandersetzung mit den im 18. Jahrhundert üblichen Bestrafungsmethoden und ihrer Berechtigung.

Die zweite Hälfte des Romans ist spürbar düsterer als die erste und die Erzählung wird zunehmend bizarr: Wird Claire ihrer Situation entsprechend von so einigen Männern sexuell bedroht und zur Ehe gezwungen, ist es am Ende jedoch ihr Geliebter James, der Opfer sexuellen Missbrauchs wird. Und während Claire zwar die Entscheidung, ob sie in ihre eigene Zeit und zu ihrem eigentlichen Ehemann zurückzukehren soll oder nicht, ziemlich leicht fällt, sieht sie sich bald mit demselben Paradox wie alle Zeitreisendem konfrontiert, also wie ihre Handlungen die Zukunft, früher ihre Vergangenheit, verändern werden. Diese Frage wird aber wohl erst in der Fortsetzung näher geklärt.

Diana Gabaldon: Outlander | Englisch
Delta 1998 | 656 Seiten | amazon-info

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Jakob Arjouni: Bruder Kemal

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 13. Mai 2013

Bruder Kemal»Ich weiß, kein Aufsehen, keine Polizei, alles diskret, aber irgendeinen Hinweis, mit wem Ihre Tochter um die Häuser zieht, brauche ich schon. Oder ich fange an, in Frankfurt an jede Wohnungstür zu klopfen, arbeite mich langsam hoch nach Bad Homburg, dann durch Kassel, Hannover, Berlin, danach vielleicht Warschau oder Prag – alles Städte für junge Leute, die was erleben wollen. Außer Kassel natürlich.«

Eine Sechzehnjährige aus der Frankfurter Oberschicht ist verschwunden und Kemal soll sie im Auftrag der Mutter finden. Gleichzeitig wird er engagiert, auf der Frankfurter Buchmesse den Autor Malik Rashid vor religiösen Fanatikern zu schützen, da er in seinem neuen Roman über ein homosexuelles Paar in einem arabischen Land schreibt. Natürlich überschneiden sich die beiden Fälle sehr schnell.

»Bruder Kemal« ist der inzwischen fünfte Roman um den türkischstämmigen Privatdetektiv, der immer noch kein Türkisch spricht. Kemal Kayankaya ist jetzt Anfang fünfzig und nur noch wenig hardboiled. Das Rauchen hat er aufgegeben, das Trinken eingeschränkt und zu seinen Klienten fährt er mit dem Fahrrad. Er lebt in einer festen Beziehung mit einer ehemaligen Prostituierten und kann sich sogar den Reizen seiner verführerischen Klientin entziehen. Er ist älter und weicher geworden. Doch wenn es hart auf hart kommt, ist er immer noch ein echter Sturkopf und in jeder Beziehung schlagfertig. Er lässt sich weder von aufbrausenden Zuhältern noch Heroinhändlern noch religiösen Führern einschüchtern.

Ein Mangel an schnoddrig-coolen Privatdetektiven mit großer Klappe herrscht in der Kriminalliteratur nun wirklich nicht, aber Kayankaya gehört für mich inzwischen zu den überzeugendsten, da er mit zunehmendem Alter tatsächlich immer cooler wird. Arjouni legt seinem Protagonisten Sätze in den Mund, die man sich mit Genuss laut vorspricht. Keine platten Sitcom-Sprüche oder dumme Zoten, die so viele Krimiautoren für lässiges Auftreten halten, sondern Kluges und ungemein Witziges. Viel Frankfurter Lokalkolorit, Seitenhiebe auf den Buchmessebetrieb und ein in Würde gealterter Held trösten über eine mäßig spannende Krimihandlung hinweg und wegen Arjounis flüssigem Schreibstils liest man das Buch an einem Stück weg.

Mir ist bei der Lektüre aufgefallen, wie präsent in meiner Vorstellung auch nach zwanzig Jahren die überzeugende Darstellung von Hansa Czypionka ist, der in der Verfilmung des ersten Romans durch Doris Dörrie den Kayankaya spielte. Vielleicht bekommen die Beteiligten ja doch noch einmal Lust, ein weiteres Abenteuer zu verfilmen.

Nachtrag: Wenige Tage nachdem ich die Rezension verfasst hatte, erfuhr ich vom Tod von Jakob Arjouni. Ich war erschüttert und bin es noch immer. Ein großartiger Erzähler hat uns viel zu früh verlassen.

Jakob Arjouni: Bruder Kemal | Deutsch
Diogenes 2012 | 225 Seiten | amazon-info

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Richard Ford: Kanada

Vorgestellt von Sabine Anders in Moderne Literatur am 6. Mai 2013

KanadaDas Vorspiel zu schrecklichen Ereignissen kann lächerlich sein, ganz wie Charley gesagt hatte, aber auch beiläufig und unauffällig. Es lohnt sich, das zu erkennen, denn es zeigt den Ursprung vieler schrecklicher Ereignisse an: einen Zentimeter vom Alltag entfernt.

In Kanada analysiert der Ich-Erzähler Dell Parsons aus dem Rückblick vom Ende seines Lebens, wie seine Eltern 1960, als er 15 war, eine kleine Bank in North Dakota überfallen haben und wie sich dadurch sein Leben einschneidend verändert hat. Trotz des großen zeitlichen Abstands vermittelt er den Eindruck, nach wie vor unter Schock zu stehen, als könnte er immer noch nicht fassen, dass seine Eltern, die er »die unwahrscheinlichsten Bankräuber der Welt« nennt, die Tat wirklich begangen haben. Fast zwanghaft versucht er im Nachhinein, die Zeichen an der Wand zu deuten, bedient sich ausgiebig der Technik des Foreshadowing und stellt immer wieder seinen jetzigen und seinen damaligen Wissensstand nebeneinander.

In dem Versuch, zu verstehen, wie es zu dem Verbrechen kam, beschreibt Dell die Herkunft seiner Eltern und das Leben seiner Familie in jenem Sommer 1960 minutiös. Relativ schnell kommt er zu dem Schluss, dass schon die Ehe seiner Eltern ein Fehler war. Sein Vater, Bev Parsons, war im Zweiten Weltkrieg bei der Luftwaffe und versucht, sich nach seiner unehrenhaften Entlassung zuerst als Autoverkäufer und dann durch illegale Geschäfte mit Rinderhälften, die er von Indianern kauft, über Wasser zu halten. Seine Mutter, Geneva, eine Tochter jüdischer Einwanderer und Lehrerin, hat Bev hauptsächlich geheiratet, weil sie schwanger war. Dell ist überzeugt, dass sie relativ schnell erkannt hat, dass die Heirat ein Fehler war, und ihr lediglich die Entschlusskraft fehlte, sich von ihrem Mann zu trennen.

Da sein Vater als Soldat ständig von einem Luftwaffenstützpunkt zum nächsten versetzt wurde, lernen Dell und seiner Zwillingsschwester Berner, sich nie wirklich auf die Leute an einem Ort einzulassen; auch nicht in dem kleinen Städtchen Great Falls in Montana, wo sie zum Zeitpunkt des Banküberfalls bereits vier Jahre leben. Trotz seiner fast an Schuld und Sühne erinnernden, quälenden Analyse des Lebens seiner Eltern sowie der Tage und Stunden vor dem Überfall muss Dell schließlich feststellen: »Wir fanden das Leben bei uns zu Hause normal.« Das bringt ihn zu der Überzeugung, dass das Normale und das Schreckliche unheimlich nahe beieinander liegen und der Alltag stets ohne Vorwarnung in Verbrechen umschlagen kann.

In dieser Ansicht wird er in seinem weiteren Leben bestätigt. Vor ihrer Verhaftung arrangiert seine Mutter, dass ihre Freundin Mildred die Kinder bei Mildreds Bruder in Kanada unterbringt, damit sie nicht in einem staatlichen Jugendheim enden. Seine Zwillingsschwester Berner entzieht sich dem Plan der Mutter, indem sie wegläuft. Mildred gibt Dell den Rat: »Schließ nie etwas aus und sorg dafür, dass du auf das, was du hast, immer problemlos verzichten kannst.« Dell muss auf sehr schmerzhafte Weise lernen, dass sich die Bedeutung und Entwicklung der Dinge, die man vor sich sieht, meistens keine Rücksicht auf die eigenen Wünsche nehmen.

Ihr Bruder, Arthur Remlinger, betreibt in Saskatchewan ein Hotel hauptsächlich für Touristen, die zum Gänsejagen kommen. Hier muss Dell die schmerzhafte Entdeckung verkraften, dass Arthur vor einem Verbrechen in seiner Vergangenheit nach Kanada geflohen ist, das ihn ausgerechnet kurz nach Dells Ankunft einholt und Dell wieder einmal zu einem unfreiwilligen Komplizen und Zeugen macht.

Man kann verstehen, dass Dell, traumatisiert wie er ist, krampfhaft versucht, einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen in den USA um seine Eltern und denen in Kanada um Arthur Remlinger herzustellen. Als Plot eines Romans wirken die beiden Teile eher beliebig verknüpft: Dells Vorgeschichte spielt in den Ereignissen in Kanada kaum eine Rolle. Jeder andere Junge in einem ähnlichen Alter hätte sie wahrscheinlich ähnlich erlebt.

Im dritten Teil schließlich berichtet Dell als kurz vor der Pensionierung stehender Lehrer von dem letzten Wiedersehen mit seiner Schwester. Beide haben immer noch den Eindruck, dass ihr Leben eigentlich hätte anders verlaufen müssen – ganz untypisch amerikanisch fühlen beide sich ihrer Vergangenheit und ihren Umständen ausgeliefert und üben sich am Ende auf recht erfolglose Art in Akzeptanz.

Richard Ford: Kanada | Deutsch von Frank Heibert
Hanser Berlin 2012 | 464 Seiten | amazon-info

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Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 29. April 2013

Das geraubte Leben des Waisen Jun DoPak Jun Do ist ein Waisenkind. Allein deswegen ist die Pralinenschachtel seines Lebens klein, der Inhalt oftmals trostlos, bitter und am Ende zutiefst tragisch.
Der zweite Roman des amerikanischen Autors Adam Johnson »Das geraubte Leben des Waisen Jun Do« spielt in Nordkorea. Johnson reiste eigens zur Recherche in das abgeschottete Land, sammelte zur Freude seiner Leser viele Fakten und verpackte diese in eine äußerst dramatische wie anrührende Geschichte.

Der Suhrkamp Verlag hätte sich keinen besseren Zeitpunkt zum Erscheinen dieses mutigen Buches aussuchen können: Die dritte Generation der dortigen Diktatoren-Dynastie Kim verweist fast täglich in Rumpelstilzchen-Manier auf sein bis zum Bersten gefülltes Raketenarsenal, damit seinem Volk und der Welt ringsherum das Blut in den Adern gefriert.

Die fiktive Handlung ist hochspannend und stilistisch meisterhaft durchkomponiert. Von seinem armen Dorf aus gerät Jun Do von einem unglaublichen Abenteuer zum nächsten: vom Waisenhaus in die geheimen Tunnel unter der Grenze zum südkoreanischen Verräter; aus dem grausamen Dunkel in eine Einheit internationaler Kidnapper vor der Küste Japans; von dort zu einem eigenartigen politischen Auftrag beim amerikanischen Feind, und von der Ranch des texanischen Senators in ein nordkoreanisches Konzentrationslager. Hier lässt ihn ein beherztes Aufbegehren in die Rolle des wichtigen Militärkommandeurs Ga schlüpfen.

Ahnte Jun Do, dass er sich in dessen Frau und Geliebte des großen Kim Il Sung verlieben würde? Für Sun Moon und ihre Kinder gibt er sich vollends auf und entwickelt sich endgültig vom Mann »ohne Gesicht« zum standfesten Helden. Dabei wird er für die Folterexperten im Vernichtungslager, die sogenannten »Pubjok«, unantastbar. Der namenlose »Verhörspezialist«, der akribisch Biografien der ihm anvertrauten Staatsfeinde verfasst, hat wegen Jun Do eine Schreibblockade und gerät arg ins Grübeln. Zum bitteren Ende muss er einsehen, dass diese von niemandem gelesen werden und auch seine Geschichte keiner mehr hören will …

Die Abenteuer des nordkoreanischen »Simplicissimus« sind so grotesk und unwirklich wie wahrhaftig. Nicht umsonst lässt der Name des Protagonisten an ein nicht identifiziertes Mordopfer denken. Die amerikanischen Cops nennen einen solchen Toten »John Doe«.

Durch seine verschiedenen Erzählperspektiven wirkt der Roman besonders plastisch und erinnert den tief in die Ereignisse eingesogenen Leser manchmal an die Szenerie in einem bösen Märchen. Allein die Existenz eines Propaganda-Lautsprechers in jeder Wohnung lässt den Leser erschauern. Die Sprache, die Adam Johnson für diese gnadenlose Agitation findet, stellt die Sirenen der griechischen Mythologie glatt in den Schatten.

Adam Johnson vermittelt dem Leser ohne Polemik einen bildhaften Einblick in ein isoliertes, zugeschlossenes Land. Seine Hauptfiguren entwickeln die Hoffnung und Zuversicht, dass Freundschaft und Liebe mehr wert sind als die bedingungslose Treue zu einem staatlich verordnetem System und seinem selbsternannten »Geliebten Führer«.

Das Buch, das erst kürzlich den berühmten Pulitzer-Preis erhielt, ist ein literarischer Hochgenuss!

Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do | Deutsch von Anke Burger
Suhrkamp 2013 | 687 Seiten | amazon-info

 

Florian Werner: Schüchtern

Vorgestellt von Sabine Anders in Sachbuch am 22. April 2013

SchüchternBeim Kiffen aus der Wasserpfeife musste ich immer husten, und wenn ich andere psychoaktive Substanzen nahm, bekam ich es meist mit der Angst zu tun, musste an den Tod des Sokrates denken und begann, die Sterbeszene aus Platons Phaidon im Original zu zitieren (»Ō Kríton, éphe, tō Akslepiō opheílomen alektryóna«), was meine Co-Drogisten zwar irgendwie beeindruckte, aber doch den Eindruck vermittelte, dass ich, selbst wenn ich high war, nicht so richtig loslassen konnte.

In unserer Zeit ist schüchtern sein nicht gerade angesagt – man denke nur an die Selbstdarstellung, die der Arbeitsmarkt von Bewerbern fordert oder die in sozialen Netzwerken an der Tagesordnung ist. Es ist also ziemlich mutig von Florian Werner, sich in seinem Buch »Schüchtern« zu dieser Eigenschaft zu bekennen. Doch wenn er ein Buch veröffentlicht, kann der Autor dann überhaupt schüchtern sein? Das ist nur eine von vielen Fragen, denen Florian Werner in seinem Text auf den Grund geht – und das auf eine Art, dass man beim Lesen sehr oft laut lachen muss.

Bei dem Versuch, Schüchternheit zu definieren und von anderen, ähnlichen Begriffen abzugrenzen, nimmt er den Leser mit auf einen kurzen Streifzug durch die Jahrhunderte und zeigt, wie sich die Bedeutung von schüchtern und besonders von all dem, was damit assoziiert wird, verändert hat. Er zeigt, warum zumindest manche in einer menschlichen Gemeinschaft schüchtern sein müssen, damit ein geregeltes Zusammenleben möglich ist, welche evolutionären Vorteile Schüchternheit brachte und wie Schüchternheit mit Demokratie und sozialer Mobilität zusammenhängt: Schüchternheit war unter anderem besonders dann weit verbreitet, als gesellschaftliche Aufsteiger Gefahr liefen, sich in höheren Kreisen zu blamieren, weil sie mit den dort gängigen Verhaltensregeln nicht vertraut waren.

Werner versucht anhand seines eigenen Beispiels – er ist ein zweieiiger Zwilling – auch zu klären, wie ein Mensch überhaupt schüchtern wird: Ist Schüchternheit angeboren oder das Ergebnis von Umwelteinflüssen? Oder ist sie gar eine self-fulfilling prophecy?

Auf Schüleraustausch in den USA probiert Werner aus, ob sich ein Mensch anders verhalten kann, als er ist, und stellt sich die Frage, warum sich gerade schüchterne Menschen, zum Beispiel bei öffentlichen Auftritten, alles andere als schüchtern verhalten. Natürlich kommt auch das Internet zur Sprache, das Schüchternen die von ihnen bevorzugte Kommunikation aus sicherer Distanz ermöglicht und ihnen den Griff zum Telefon erspart. Werner zeigt außerdem, warum Schüchterne sich am liebsten schriftlich ausdrücken und sich zu toten Sprachen hingezogen fühlen, wie Schüchternheit mit Ehrlichkeit und Authentizität zusammenhängt und warum sie ein Luxusproblem ist.

Am witzigsten ist vielleicht der Teil des Buches, in dem Werner verschiedene Ratgeber, wie man Schüchternheit überwindet, untersucht, und feststellt, dass sich seit über einem Jahrhundert hartnäckig die Empfehlung hält, auf Konfrontationskurs zu seinen Ängsten zu gehen. Werner stellt nicht nur in Frage, ob das dem Schüchtern überhaupt etwas nützt, sondern auch, ob solche Methoden angesichts ihrer Auswirkungen auf andere Menschen überhaupt vertretbar sind.

Zuletzt fragt Werner, ob schüchtern sein überhaupt schlecht ist, oder ob uns das die Pharmaindustrie nur einreden will, die ein Vermögen mit Medikamenten gegen soziale Phobie verdient. Schüchtern sein hat nämlich auch viele Vorteile – vor allem lässt es den Alltag zum Abenteuer werden und sorgt für ein intensiveres Erleben. Im letzten Kapitel malt Werner eine utopische Welt, in der alle Menschen schüchtern sind.

Unbedingt empfehlenswert – vor allem natürlich für Schüchterne!

Florian Werner: Schüchtern | Deutsch
Nagel & Kimche 2012 | 176 Seiten | amazon-info

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Andreas Zwengel: Sieben Städte aus Gold

Vorgestellt von Frank Bergers in Genreliteratur am 15. April 2013

Sieben Städte aus GoldIm Westen nichts Neues? Weit gefehlt! In Andreas Zwengels neuestem Opus wird der geneigte Leser von Beginn an in eine turbulente Verfolgungsjagd um einen seit langer Zeit verschollenen Indianerschatz katapultiert. Alles beginnt mit dem buchstäblichen Auffliegen eines schlüpfrigen Etablissements namens »Archangel«, aus dessen Ruinen sich die drei Protagonisten des Buches aufmachen in eine ungewisse Zukunft.

Da haben wir Mason, den bärtigen Glückritter und Tom Selleck-Verschnitt (wenn man dem von Karsten Weyershausen aufs Trefflichste gestalteten Buchcover glauben möchte), der in dieser Geschichte das Gute repräsentiert und im weiteren Verlauf vor allem der holden Damenwelt als verlässlicher Schutzengel galant zur Seite steht. Ihm zur Seite steht der gewitzte russische Bordellbesitzer Oblomow, dessen überschaubare Körpergröße bei weitem von seiner Gier nach Gold überragt wird. Die beiden bilden eine Zweckgemeinschaft, die eigentlich nicht miteinander kann, aufgrund der widrigen Umstände jedoch erst recht nicht ohne. Komplettiert wird dieses Trio Infernale von der liebreizenden Prostituierten aus Not namens Violet, die es geschickt versteht, die Waffen einer Frau gewinnbringend einzusetzen.

Die sieben goldenen Städte von Cibola geistern schon seit Jahrhunderten durch die monetären Phantasien aller Arten von Glücksrittern und als dann auch noch ein verschollen geglaubtes Tagebuch auftaucht, das möglicherweise den Weg zum Schatz weist, gibt es bei Freud und Feind kein Halten mehr.

Unsere drei Freunde machen sich ebenfalls auf den Weg, aber sie sehen sich einer Armada von Goldjägern gegenüber, von denen so mancher keinerlei Skrupel kennt, einen lästigen Mitkonkurrenten aus dem Wege zu schaffen. Sei es der fettleibige, sadistische Black, dessen Grausamkeit ihm schon Meilen vorauseilt oder der psychopatische Piddock, der ganz persönliche Gründe hegt, unseren Freund Mason in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Oder wie wäre es mit dem steinreichen, skrupellosen Stadtinhaber namens Lupo Carlyle, der ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen geht und Menschen nur solange gut behandelt, wie sie seinen Zwecken dienlich sind. Da wirkt der obskure ungarische Baron nebst gewichtiger, mannstoller Gattin, welche beide ebenfalls wenig zimperlich ihr Stück vom Kuchen einfordern, schon fast sympathisch. Wie gesagt, fast …

Des Weiteren mischt ein rachsüchtiger Indianerstamm mit. Und was hat es eigentlich mit diesem unheimlichen Geistwesen auf sich, das des Nächtens …? Kein Zweifel, in diesem wahrlich wilden Westen geht die Post ab.

»Sieben Städte aus Gold« funktioniert in bester »Western von Gestern«-Tradition gepaart mit einem guten Schuss »Maverick«. Das Ganze wird serviert mit dem unnachahmlichen Zwengelschen Humor, der das Buch zu einem reinen Lesevergnügen macht. Wenn sogar ein absoluter Westernmuffel wie ich völlig gebannt den Abenteuern unserer drei Freunde folgt, kann ich nur sagen: Hut ab! (Aber immer schön auf den Skalp aufpassen.)

Andreas Zwengel: Sieben Städte aus Gold | Deutsch
Persimplex 2013 | 416 Seiten | amazon-info

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Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

Vorgestellt von Sabine Anders in Moderne Literatur am 8. April 2013

Das Phantom des Alexander WolfWorin lag das Verführerische gerade dieser Art des Verbrechens, unabhängig davon, wie es verstanden wurde und welche äußeren Gründe oder Impulse es veranlassten?

Der Ich-Erzähler erschießt als 16-Jähriger Soldat im russischen Bürgerkrieg in einem Zustand absoluter Übermüdung – er hat mehrere Tage und Nächte nicht geschlafen – einen anderen Mann und rettet dadurch sein eigenes Leben.

Obwohl er den Mann nicht gekannt hat und ihn gesetzlich betrachtet keine Schuld trifft, verfolgt ihn dieses Kriegserlebnis sein ganzes Leben. Er fühlt sich abgeschnitten von jeder Normalität und leidet unter Stimmungen und Zweifeln, mit denen er nicht zurechtkommt:

Ich wusste, dass eine wortlose, fast bewusstlose Erinnerung an den Krieg die meisten Menschen verfolgt, die ihn durchlebt haben, und in allen ist etwas zerbrochen für immer. Ich wusste von mir selbst, dass die normalen menschlichen Vorstellungen vom Wert des Lebens und von der Notwendigkeit der grundlegenden Moralgesetze – nicht töten, nicht rauben, nicht vergewaltigen, Mitleid haben –, dass sie sich nach dem Krieg zwar langsam in mir wiederhergestellt, ihre frühere Überzeugungskraft jedoch verloren hatten und nur noch ein theoretisches Moralsystem waren, mit dessen relativer Gültigkeit und Notwendigkeit ich prinzipiell einverstanden zu sein hatte. Die Gefühle, die ich dabei hätte haben müssen, die diese Gesetze erst hatten entstehen lassen, waren ausgebrannt durch den Krieg, es gab sie nicht mehr und nichts hatte sie ersetzt.

1936 in Paris findet der Erzähler in einem Buch das Kriegserlebnis, das sein Leben geprägt hat, so detailgetreu geschildert, dass es nur einen Schluss zulässt: Der Verfasser ist der Mann, auf den er damals geschossen hat, und er hat wider Erwarten überlebt. Der Erzähler setzt daraufhin alles daran, den Autor – Alexander Wolf – zu finden. Zuerst weiß er nicht, was er sich davon erhofft, doch dann erkennt er, dass Wolf für ihn die Erkenntnis verkörpert, dass er immer schon zum Töten bereit war – oder sich vielleicht sogar dazu hingezogen fühlt.

Einerseits empfindet der Erzähler deshalb Abscheu über sich selbst, aber nach langen Überlegungen gelingt es ihm zu klären, was die Faszination des Tötens für ihn ausmacht, nämlich »die Möglichkeit, für kurze Zeit stärker zu werden als Schicksal und Zufall«. Töten bedeutet für den Erzähler, dass er nicht mehr den unentwirrbaren und undurchsichtigen Verkettungen von Ursache und Wirkung, die alle Menschen auf der Welt verbinden und die jeden verzweifeln lassen, der nach Erklärungen sucht, ausgeliefert ist. Hat man das einmal erkannt, so der Erzähler, wird all das, was für normale Menschen den Sinn des Lebens ausmacht, unbedeutend und »phantomhaft«: »Alles ist ohnmächtig vor diesem kurzen Machtmoment des Tötens.«

Die Überlegungen und Gedanken des Erzählers lassen die teilweise sehr künstliche Handlung die meiste Zeit im Hintergrund bleiben: Er trifft zunächst den Verleger von Wolf, der sich aus Gründen, die nie aufgeklärt werden, Wolfs Tod wünscht, und begegnet einem Kriegsgefährten von Wolf, der ihm von seiner und Wolfs damaligen Geliebten erzählt. Außerdem trifft er eine weitere ehemalige Geliebte von Wolf bei einem Boxkampf, die zu seiner eigenen Geliebten wird und auf die Wolf am Ende des Romans schießt.

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf | Deutsch von Rosemarie Tietze
Hanser 2012 | 192 Seiten | amazon-info

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Paul Murray: Skippy stirbt

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Moderne Literatur am 25. März 2013

Skippy stirbtRuprecht Van Doren, der Besitzer des Fernrohres und Skippys Zimmergenosse, ist nicht wie die anderen Jungs. Er ist im Januar nach Seabrock gekommen, wie ein verspätetes und nicht mehr umtauschbares Weihnachtsgeschenk, nachdem seine Eltern bei einer Kajakexpedition den Amazonas hinauf ums Leben gekommen waren.

Vor ihrem Tod war er zu Hause von Privatlehrern unterrichtet worden, die auf Geheiß seines Vater, Baron Maximilian Van Doren, aus Oxford eingeflogen wurden, und daher hatte er eine ganz andere Einstellung zu Bildung und Ausbildung als seine Kameraden. Für Ruprecht ist die Welt ein Kompendium faszinierender Fakten, die nur darauf warten, entdeckt zu werden, und jedes kniffelige mathematische Problem wie das Eintauchen in ein schönes warmes Wannenbad.

Ruprecht und Skippy leben in einem von Priestern geführten Internat namens Seabrock College, wo sie unter anderem lähmend langen Vorträgen über die Abgründe der modernen Welt lauschen müssen. Aber es gibt auch weltlichen Lehrkörper, wie den unglücklichen Geschichtslehrer Howard, der von einer neuen Kollegin aus seiner Lethargie gerissen wird. Außerdem wäre da noch der angehende Dealer Carl, der mit den Medikamenten seiner Mitschüler einen florierenden Handel betreibt. Dann verliebt sich Skippy in ein Mädchen und hofft, ihm auf der bevorstehenden Halloween-Party zu begegnen. Diese nimmt einen unvorhergesehenen Verlauf, nachdem die Bowle mit psychedelischen Drogen angereichert wurde. Als Skippys Angebetete sich als Freundin von Dealer Carl entpuppt, gibt es weiteren Ärger.

Viele große Themen werden in diesem Buch angepackt: Jungenfreundschaften, Naturwissenschaften, Drogenkonsum, Tod, Entfremdung, Jugendkriminalität, erste Liebe, neue Liebe, Internatsleben, Konkurrenzkampf, sexueller Missbrauch, Männerrituale, Rebellion sowie die Scheinheiligkeit der katholischen Kirche und ihrer Vertreter. Zu viele Themen vielleicht, um ihnen allen gerecht zu werden, aber Murray schafft es durch seine Komposition und seinen Sprachstil, ihnen noch neue Seiten abzugewinnen.

Die witzigen Dialoge der Jungs in pubertären Nöten sind einfach köstlich, das Liebesleiden von Lehrer Howard ist bewegend geschildert und das Verhalten der Schulleitung und der Patres lässt einem beim Lesen das Blut kochen. Geradezu tragisch ist die Sprachlosigkeit in den Telefonaten zwischen Skippy und seinem Vater. Der Sohn, der mehr oder weniger darum bettelt, in den Ferien nach Hause kommen zu dürfen, und der Vater, der nur mit Vertröstungen und Beschwichtigungen reagiert. Genauso bewegend ist der Moment, als Skippy die wahre Natur seiner ersten großen Liebe erfährt. Das Buch treibt den Leser wie einen fliehenden Hasen zwischen Komödie und Drama hin und her.

Nach seinem sehr erfolgreichen Debüt »An evening of long goodbyes« hat Paul Murray ein weiteres, sehr lesenswertes Werk vorgelegt. Fast ohne Längen, was bei der hohen Seitenzahl besonders beeindruckend ist. Wer englisches Internatsleben wieder einmal ohne Magie lesen möchte und Stephen Frys »Der Lügner« schon kennt, sollte hier zugreifen.

Paul Murray: Skippy stirbt | Deutsch von Rudolf Hermstein und Martina Tichy
Goldmann 2012 | 784 Seiten | amazon-info

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Pöppel/Wagner: Von Natur aus kreativ

Vorgestellt von Sabine Anders in Sachbuch am 18. März 2013

Von Natur aus kreativ»Eine Art und Weise, kreativ zu sein, besteht darin, einmal genau und ehrlich zu beobachten, was wir tief im Innern glauben – und dann das Gegenteil davon anzunehmen.«

Sollte es im Leben darum gehen, glücklich zu sein? Nein, meinen die Autoren von »Von Natur aus kreativ«. Vielmehr sei der Mensch »so gemeint«, kreativ zu sein. Als einen der Hauptantriebe für Kreativität haben die Autoren, der Hirnforscher Ernst Pöppel und die Paar- und Sexualtherapeutin Beatrice Wagner, das Bestreben des Menschen ausgemacht, ein inneres, emotionales Gleichgewicht (wieder)herzustellen.

Anstatt sich auf langwierige Definitionen, was Kreativität überhaupt ist, einzulassen, klären die Autoren zunächst sehr praktisch, welche Bedingungen Menschen brauchen, um überhaupt kreativ sein zu können, etwa wie Kreativität mit realen Orten zusammenhängt – warum wir zum Beispiel eine vertraute Umgebung dazu brauchen: Müssten wir uns als Angestellte jeden Tag in einem anderen, gerade freien Büro an einem PC einloggen, weil unsere Firma Geld für leerstehende Büros von kranken oder urlaubenden Mitarbeitern sparen wollte, würden wir wahrscheinlich gar nichts Kreatives zustande bringen. Warum unsere Büros auch auf jeden Fall Fenster brauchen und warum das Sitzen in einem Café eher kreative Leistungen fördert als der Blick auf eine unberührte Landschaft – auch dafür haben die Autoren eine schlüssige Erklärung.

Ein großer Teil des Buchs besteht aus Interviews mit berühmten Persönlichkeiten zum Thema Kreativität – mit Hans Magnus Enzensberger, Hubert Burda, Julian Nida-Rümelin, Kai Diekmann, Bertrand Piccard und anderen. Chinesische Studenten erklären im Gespräch, warum verschiedene Kulturen Kreativität unterschiedlich bewerten und nicht zwingend als positiv einstufen.

Das Kapitel mit praktischen Tipps, wie der Leser seine eigene Kreativität anregen und entfalten kann, ist leider mit nur zehn Seiten sehr kurz geraten. Dafür sind die meisten Tipps konkret und leicht umsetzbar, zum Beispiel: etwas anderes tun (duschen oder ein Pause machen), wenn man bei einem Problem nicht weiterkommt, damit das Unterbewusstsein es in der Zwischenzeit von selbst lösen kann; immer einen Stift und einen Notizzettel dabeihaben; mit anderen über ein Problem sprechen; mit Konzentration und Disziplin an einer Sache arbeiten; den Rezipienten ausblenden; leicht hungrig sein und sich öfter mal bewegen. Man findet als Leser aber auch zwischendurch immer wieder Tipps, wie zum Beispiel den eingangs zitierten von einem Gesprächspartner der Autoren.

Im Kapitel danach beschäftigten sich die Autoren damit, welche Faktoren aus der biologischen Geschichte der Menschheit Kreativität überhaupt erst möglich gemacht haben, wie Kreativität zum Beispiel damit zusammenhängt, wie das Gehirn die Umwelt wahrnimmt und verarbeitet. Eine Frage, die sich durch das gesamte Buch durchzieht, ist, warum Künstler und Schriftsteller so oft wissenschaftliche Entdeckungen und Erkenntnisse vorwegzunehmen scheinen und ob sich Natur- und Geisteswissenschaften überhaupt so scharf trennen lassen wie üblich.

Pöppel erklärt zum Beispiel, dass seine eigene Disziplin, die Hirnforschung, sich gerne in Details und Einzelerkenntnissen verliert und eine Art übergreifende Theorie bisher schuldig geblieben ist. Ganz ähnlich ist auch dieses Buch eher assoziativ und essayistisch und bietet viele interessante Einzelheiten, aber keine fazitartigen Schlussfolgerungen.

Kreativ ist auf jeden Fall das ausführlich und eigenwillig kommentierte Literaturverzeichnis am Schluss des Buches.

Ernst Pöppel/Beatrice Wagner: Von Natur aus kreativ | Deutsch
Hanser 2012 | 256 Seiten | amazon-info

Neal Stephenson: Error

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 11. März 2013

ErrorZwei Dutzend seiner Verwandten hatten sich in lockeren Grüppchen entlang des Stacheldrahtzaunes zu seiner Rechten aufgestellt: Wer nicht gerade in die Senke schoss, lud nach. Entstanden war diese Tradition, als einige der jüngeren Burschen während des qualvollen Wartens auf Truthahn und Pie einmal die Gelegenheit haben sollten, etwas Dampf abzulassen. (…) Als Erwachsene, die selbst Kinder hatten, erschienen sie nun mit Flinten, Jagdgewehren und Faustfeuerwaffen im Kofferraum ihrer SUVs zu dem Treffen.

Richard Forthrast ist das schwarze Schaf seiner weitläufigen Familie. Vor dem Einzug in den Vietnam-Krieg ist er nach Kanada geflohen und hat mit Marihuana-Schmuggel über die Grenze sein Geld verdient, bevor er als Erfinder des Online-Rollenspiels »T´Rain« zum Miliardär wurde. In seinem Spiel ist nun ein Virus namens »Reamde« aufgetaucht, der Daten befallener Computer verschlüsselt und nur gegen ein Lösegeld wieder freigibt. Dies muss in Form einer virtuellen Währung innerhalb des Spiels gezahlt werden. Richards Adoptivnichte Zula gerät wegen ihres Freundes an die Russenmafia, deren Daten durch »Reamde« verloren gingen. Also wird sie in die chinesische Stadt Xiamen verschleppt, wo Hacker den Virus entwickelt haben. Dort treffen sie auf islamische Terroristen.

Die Inhaltsangabe würde zu meinem zukünftigen Lieblingsbuch passen und mit der entsprechenden Erwartungshaltung ging ich auch an die Lektüre. Die Ernüchterung erfolgte sehr schnell. »Error« ist natürlich nicht völlig misslungen, denn dazu ist Stephenson ein viel zu guter Autor, aber es gibt zwei Kritikpunkte, die meine Freude trübten.

Erstens, die Länge. Anscheinend hat Stephenson in seinen Verträgen stehen, dass er keine Bücher mehr unter tausend Seiten schreiben darf. Die Folge ist, dass selbst unwichtige Nebensächlichkeiten in lähmender Detailgenauigkeit erzählt werden. Die zahlreichen gelungenen, teilweise brillanten Szenen sind dadurch wie Inseln in einem Ozean aus Text.

Zweitens, die Dramaturgie. Virtuos konstruierte Kettenreaktionen und Helden, die von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpern, sind gewöhnlich Garantien für gute Unterhaltung. Leider funktionieren diese Zutaten bei »Error« nicht. Alle »zufälligen« Verwicklungen erscheinen überzogen, unnötig und vermeidbar. Der Einstieg ist noch nachvollziehbar: Doch dann macht sich ein psychopathischer russischer Mafioso mitsamt Gefolge auf den Weg nach China. Zula nennt den Russen die falsche Stockwerksnummer, so dass diese die Wohnung islamischer Top-Terroristen stürmen. Die wiederum werden von einer englischen Geheimagentin und dem MI6 überwacht. Alle Beteiligten scheinen wegen Unwahrscheinlichkeiten und Belanglosigkeiten in die Handlung zu stolpern.

Neal Stephenson hat in »Snow Crash« virtuelle Welten geschaffen, in seinem Barock-Zyklus auf über 3000 Seiten das 17. Jahrhundert aufleben lassen und in »Anathem« ein Gesellschaftssystem auf einem fremden Planeten entwickelt. Diesmal hat er sich mit der Gegenwart beschäftigt, dafür aber die übliche üppige Fülle genutzt, wodurch sehr viele tolle Ideen einfach verpuffen oder verwässert werden. Auf die Hälfte komprimiert hätte daraus das werden können, als was »Error« vom Verlag beworben: Der Thriller des Jahres.

Neal Stephenson: Error | Deutsch von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl
Manhattan 2012 | 1.024 Seiten | amazon-info

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